31. Mär 2020

5 Dinge, die mich an China überrascht haben

Eine Italienerin in China? Manche unserer Themen werden vom aktuellen Geschehen plötzlich eingeholt. Die italienische Bloggerin Elizabetta Rizzato hätte bei ihrem China-Besuch im vergangenen Jahr jedenfalls nicht gedacht, dass ihr Heimatland und China aus ganz anderen Gründen in die Schlagzeilen geraten. Was Sie in China erlebt hat, hat sie für uns aufgeschrieben. Aktuell bleiben ihre Erfahrungen trotzdem: Denn wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, ist es, dass Kreativität niemals Ausgangssperre hat.

Können Sie sich vorstellen, längere Zeit an einem Ort zu verbringen, an dem Sie weder Instagram noch Facebook oder Google nutzen können? Ein Ort, an dem Sie nicht per WhatsApp mit Ihrer Familie und Ihren Freunden chatten können? Und wo so gut wie niemand Ihre Sprache spricht? Es ist eine absolut lohnende Erfahrung – wir sollten es alle einmal versuchen. Denn diesen Ort gibt es – er ist sogar ziemlich groß. Sie ahnen es schon: Ich spreche von China.

Im letzten Jahr hatte ich die Gelegenheit, durch China zu reisen und dort in verschiedenen Unternehmen der Möbelbranche Vorträge über Trends im Interior Design zu halten. Ich teilte interessante Einblicke und Neuigkeiten, die ich während der letzten Mailänder Designwoche entdeckt hatte und warb für unseren Trend Membership-Service, der Mitgliedern wöchentliche, von unserer Online-Lernplattform abrufbare Updates zu den neuesten Trends bietet.

Zusammen mit meinem Reiseführer, einem chinesischen Designer, verbrachte ich zunächst eine Woche im riesigen Guangzhou im Süden des Landes. Danach ging es in die schöne Küstenstadt Xiamen, ein beliebtes Urlaubsziel, bevor es weiter in Richtung Norden ging, zunächst nach Tianjin und schließlich in die Hauptstadt Peking. Es war mein erster Aufenthalt in China und ich habe es sehr genossen, mit der chinesischen Kultur in Kontakt zu kommen – einer Kultur, die sich noch stärker von unserer westlichen Kultur unterscheidet, als ich es erwartet hätte.   

Vor allem aber hatte ich während meiner Reise die Gelegenheit, viele Fachleute aus der Branche, junge Designer und Studenten im Bereich Design und Interior Design zu treffen. Wir konnten uns über unsere Ideen, Fragen und Visionen für die Zukunft austauschen – und hier wiederum stellte ich fest, dass wir uns in vielerlei Hinsicht sehr viel ähnlicher sind, als ich es erwartet hätte. 

Lassen Sie mich Ihnen mehr über die Dinge erzählen, die mich überrascht haben, weil sie so anders sind als bei uns. Und auch über die Dinge, die mich deswegen überrascht haben, weil sie den Gegebenheiten bei uns viel ähnlicher sind als ich dachte.

rend Talk in Tainjin © Elisabetta Rizzato

1 # Technologisch weit fortgeschritten

Ich wusste bereits, dass China aktuell eines der technologisch am weitesten fortgeschrittenen Länder der Welt ist, aber bevor ich mir nicht selbst ein Bild davon machen konnte, wie dies in den großen chinesischen Metropolen aussieht, hatte ich keine Vorstellung davon, was solch ein technologischer Fortschritt für das tägliche Leben tatsächlich bedeuten kann.

Lassen Sie mich nur ein paar Beispiele nennen:

Wenn chinesische Mädchen vor die Haustür gehen, dann nehmen sie einfach nur ihr Smartphone mit und haben damit alles dabei, was sie brachen. Denn man kann wirklich überall und alles über QR-Codes bezahlen. Und wenn Ihr Akku zur Neige geht, stehen überall kostenlos Ladegeräte zur Verfügung, die Sie mitnehmen können. 

Virtuelle, sprachgesteuerte Assistenten sind in den Haushalten bereits weit verbreitet. Sie sind billig und vor allem für die Älteren und Menschen mit eingeschränkter Mobilität eine wertvolle Hilfe.

Mit dem Transrapid beziehungsweise dem Shanghai Maglev Train fahren die schnellsten Züge der Welt heute in China. 

Und während wir hier noch über die Umstellung von 4G auf die 5G-Technologie sprechen, wird in China bereits 6G entwickelt und 5G ist bereits an vielen Orten verfügbar. 

Kostenlose Telefon-Ladegeräte in Guangzhou © Elisabetta Rizzato

2 # Grüner als erwartet

Allerdings gibt es immer noch enorme Umweltprobleme in China. Umso mehr habe ich mich daher darüber gefreut, die Anstrengungen zu sehen, die das Land in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltschutz unternimmt.

Wahrscheinlich wurde diese Wahrnehmung auch dadurch verstärkt, dass ich das Glück hatte, Guangzhou besuchen zu können, eine Stadt, die zu den nachhaltigeren und grüneren Metropolen Chinas gehört. 

Es war schön, viele neuartige Fahrzeuge mit verschiedenen Formen der Antriebsenergie zu sehen, darunter auch Elektrofahrzeuge (von denen man viel mehr sieht als beispielsweise in Italien). Die erheblichen Subventionen der Regierung für alternative Antriebsenergien haben sicherlich dazu beigetragen, diesen Trend zu fördern. Man erkennt diese Fahrzeuge übrigens ganz leicht an der Farbe ihrer Kennzeichen (grün statt wie sonst blau).

Auch kann man feststellen, dass Designs unter den Gesichtspunkten von Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit und Ökologie auch in China immer beliebter werden, vor allem bei den jüngeren Generationen. Und das bringt mich auch schon zu meinem nächsten Thema.

Blick auf Guangzhou aus meinem Hotelzimmer © Elisabetta Rizzato

3 # Ansätze junger Designer

Es hat mich überrascht, wie sehr meine Gespräche mit jungen chinesischen Studenten und Designern denjenigen ähnelten, die ich in Europa führe. Es gibt natürlich erst einmal eine Sprachbarriere, aber es ist wirklich absolut erstaunlich, wie viele Parallelen man sieht, wenn man sich dann eingehend mit den Ansätzen der Nachwuchsdesigner auseinandersetzt, mit ihren Fragen und den Themen, über die sie mehr lernen wollen.  

Wie bereits erwähnt waren umweltfreundliche Lösungen und grünes Design ein Themenbereich, an dem die jungen chinesischen Designer, mit denen ich gesprochen habe, besonders großes Interesse zeigten. 

Darüber hinaus waren sie sehr an neuartigen Lösungen für das knappe Raumangebot sowie an temporären Wohnformen interessiert. Tatsächlich ist der Wohnraum in China oft extrem knapp, so dass die Menschen oft auf sehr engem Raum leben. Viele Menschen entscheiden sich daher zu Formen des Co-Living, um so einen größeren Wohnraum miteinander zu teilen. 

Meiner Beobachtung nach wächst in China eine wirklich interessante neue Generation von Designern heran, die einen neuen und eigenständigen Stil entwickeln, der absolut nichts mit der immer noch weit verbreiteten, aber ebenso stereotypen wie unzutreffenden Vorstellung des Kopierens westlicher Markenprodukte zu tun hat, sondern sehr viel mit den chinesischen Traditionen aus der langen Geschichte des Landes. 

Und damit komme ich zum nächsten Punkt, der mich an China begeistert hat.

4 # Geschichte und Identität

Die Chinesen sind sehr stolz auf ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Traditionen. Und dies ist etwas, was ich in China wirklich zu schätzen gelernt habe – auch wenn das stark ausgeprägte Traditions- und Identitätsbewusstsein die gesellschaftliche Integration von Nicht-Chinesen mit Sicherheit erschwert; einmal ganz abgesehen von der politischen Situation in China und allem, was damit zusammenhängt. 

Aber wie dem auch sei – ich verließ China extrem inspiriert. Inspiriert von den Designs, die ich gesehen und von den Traditionen, die ich kennengelernt hatte. Und dies, obwohl ich ja eigentlich gekommen war, um mit meinen Eindrücken zu Neuheiten und Trends, die ich aus Mailand mitgebracht hatte, die Chinesen zu inspirieren. 

Austausch von Ideen mit jungen Designern in Guangzhou © Elisabetta Rizzato

5 # Leben ohne Social Media

Abschließend möchte ich noch einige Gedanken dazu teilen, wie es sich anfühlt, eine Zeitlang ohne Social Media zu leben. Für jemanden, der so wie ich in der Einrichtungs- und Designbranche tätig ist und in diesem Bereich ein Geschäft über das Internet und Social Media aufgebaut hat, war dies eine wirklich sonderbare Erfahrung – aber zweifellos eine sinnvolle. Denn die einzige Möglichkeit zu erkennen, wie tief die sozialen Medien in unserem Alltag verankert sind, besteht vermutlich genau darin, einmal ein paar Tage ganz ohne sie zu verbringen.

So wusste ich zum Beispiel gar nicht mehr, wie es ist, sich einem Publikum vorzustellen, ohne dass sich dieses mein Profil in den sozialen Medien ansehen und dort nachvollziehen kann, was genau ich mache. Und das war wirklich ein seltsames Gefühl. 

In China gibt es eine Reihe von Apps und sozialen Medien, die sich völlig von dem unterscheiden, was wir hier bei uns kennen. An erster Stelle ist hier wohl WeChat zu nennen, eine extrem leistungsfähige Anwendung, in der die Funktionen von WhatsApp, Facebook und PayPal und anderen mehr in nur einer App zusammenkommen.

Ohne einen WeChat-Account können Sie im Grunde nichts tun. Außerdem können einige Funktionen nur aktiviert werden, wenn Sie Chinese sind. Das liegt natürlich daran, dass in diesem Bereich vieles stark von der Regierung kontrolliert wird.

Jedenfalls war es sehr gut, einmal ein paar Tage nicht ständig mein Telefon auf neue Benachrichtigungen hin zu überprüfen, auf Nachrichten zu antworten oder mich in sozialen Netzwerken auszutauschen. Und fest steht auch, dass ich auf diese Weise – also ohne ständig auf den Bildschirm meines iPhone zu schauen – viel mehr Aufmerksamkeit für die schöne und hochinteressante Kultur hatte, die ich zum kennengelernt habe. 

Ich hoffe sehr, dass ich bald Gelegenheit haben werde, erneut nach China zu reisen. Denn gerade in diesen Zeiten der gesundheitsbedingten Reiseeinschränkungen glaube ich umso mehr an die Bedeutung des Austauschs zwischen den Kulturen und empfinde große Dankbarkeit dafür, dass wir immer das Glück hatten, reisen zu können, Neues kennenzulernen und dadurch zu wachsen. 

Elisabetta ist eine italienische Architektin und die Gründerin des italienischen Design-Blogs + der Lern-Community ITALIANBARK.
Neben der Erstellung von Web-Inhalten betreibt sie auch ihr Studio für Innenarchitektur und Design. Sie hat an mehreren internationalen Publikationen mitgewirkt, indem sie Innenräume und Design geplant hat, und reist regelmäßig zu den neuesten Design-Veranstaltungen.

Ansprechpartner
Porträt von Elisabetta Rizzato
Elisabetta Rizzato standard.toggle-bookmark Innenarchitektur
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Kommentare (1)
Porträt von Ilona Sautter
Ilona Sautter
Kesseböhmer Ergonomietechnik GmbH
12:44 | 24.06.2020
Vielen Dank Elisabetta Rizzato für die bemerkenswerten Insights über eine für uns Westeuropäern so andersartige Kultur. "...Und wenn Ihr Akku zur Neige geht, stehen überall kostenlos Ladegeräte zur Verfügung, die Sie mitnehmen können...." - kein Fun fact? Mitnehmen, behalten, abgeben? Das würde mich genauer interessieren.
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