18. Nov 2020

„Die Einstellung zum Büro verändert sich“

Coworking war in den letzten Jahren ein Erfolgsmodell. In vielen Bereichen haben sich mobile und flexible Arbeitsweisen etabliert. Doch welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung solcher Konzepte gerade auch mit Blick auf die Corona-Pandemie? Wir sprachen mit den Innenarchitektinnen Susanne Brandherm und Sabine Krumrey über sich wandelnde Arbeitswelten und neue Anforderungen für die Designbranche.

Wie schätzen Sie aktuell die Nachfrage nach Coworking ein – auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie? 

Susanne Brandherm: Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Viele Unternehmen verändern sich und möchten ein modernes Arbeitsumfeld haben. Außerdem sind im Wettbewerb um Talente die Ansprüche an die Büroumgebung gestiegen. Gerade junge Unternehmen und Start-ups setzen auf mobiles Arbeiten, um für eine gute Arbeitsatmosphäre zu sorgen.

Die Corona-Pandemie scheint die Einstellung zum Büro weiter zu verändern. Flexible Arbeitsmodelle gewinnen noch mehr an Bedeutung, was ein Vorteil für Coworking Spaces sein könnte. Gegenüber dem Home-Office gibt es dort die Möglichkeit, Arbeit und Privates zu trennen. Außerdem stellen sie eine professionelle Umgebung zur Verfügung und machen sozialen Austausch möglich. 

Helix Hub, Berlin © Joachim Grothus

Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung von Coworking in etablierten Unternehmen und wie gehen Sie damit um? 

Sabine Krumrey: Unternehmen sind oftmals an klassische Büros gewöhnt und denken bei Coworking eher an Office-Welten wie bei Google und Facebook. Das passt aber vielleicht gar nicht zur eigenen Realität. Um interne Prozesse von der alten in die neue Arbeitswelt zu übertragen, braucht es meistens ein Change-Management.

Mit unserer Raumplanung tragen wir dazu bei und ermöglichen über einen permanenten Austausch und neue Denkansätze agilere Arbeitsformen. Häufig starten wir mit einem Workshop, um gemeinsam mit dem Auftraggeber den tatsächlichen Bedarf herauszufinden und in eine räumliche Gestaltung zu übersetzen. 

Und welche besonderen Herausforderungen stellen Coworking Spaces an das Interior Design? 

Susanne Brandherm: Bei unserer Gestaltung ist Flexibilität besonders wichtig, um auf wechselnde Arbeitsformen reagieren zu können. Einzel- und Teamwork, kollaboratives, fokussiertes oder agiles Arbeiten – die Raumplanung muss wandelnde Arbeitsweisen berücksichtigen. Grundsätzlich ist bei modernen Coworking Spaces auch das Thema Gastronomie und Versorgung ganz wichtig.

Es wird mehr Wert auf Treffpunkte und Gemeinschaftsflächen für den Austausch abseits des eigentlichen Arbeitsplatzes gelegt. Außerdem spielt Individualisierung eine große Rolle. Wir entwickeln daher immer Raumkonzepte, mit denen die individuelle Haltung des jeweiligen Unternehmens erfahrbar wird. 

Design Offices Köln Gereon © Joachim Grothus/Design Offices GmbH

Wie sollte ein Co-Working Space eingerichtet sein? 

Sabine Krumrey: Grundsätzlich sollte es hier weniger nach klassischem Büro aussehen, sondern eher nach Wohnlichkeit und Wohlfühlen. Wir verbringen sehr viel Zeit am Arbeitsplatz und sollten uns dort heimisch fühlen.

Möbel und Ausstattung sollten möglichst variabel sein und sich schnell veränderten Situationen anpassen können. Damit man sich auch mal bewegen oder entspannen kann sollte es hierfür ausreichend Fläche geben. Ein Außenbereich kann als erweiterter Arbeits- und Rückzugsort dienen. 

Wie gestaltet sich bei der Realisierung von Coworking Spaces die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken? 

Susanne Brandherm: Bei den meisten Projekten wählen wir im Rahmen der konzeptionellen Gestaltung unsere favorisierten Produkte aus. Mit den Herstellern kommunizieren wir wenn möglich direkt. Bei großen Projekten sind beispielsweise 20 oder mehr Hersteller beteiligt. Hier fungieren dann häufig Objekteinrichter als Schnittstelle, die uns zum Beispiel im Hinblick auf technische Details, Ausführungsvarianten oder Lieferprozesse unterstützen.

Die Zusammenarbeit ist in der Regel so gut, dass wir gegenüber dem Bauherrn mit dem Objekteur als Team auftreten. Das schafft zusätzliches Vertrauen, da wir dem Auftraggeber so gemeinsames Know-how und eine große Sicherheit bei den Kosten und in der Umsetzung bieten können.  

Wie wird sich die Büroplanung mit der Corona-Pandemie verändern? 

Sabine Krumrey: Bei einigen Unternehmen scheint es gerade eine Verunsicherung zu geben. Sie warten ab, wie sich der Bedarf und die räumlichen Anforderungen entwickeln. Dabei könnte die Pandemie zu einem Überdenken von bisherigen Strukturen und Arbeitsprozessen führen.

Eine große Flexibilität für verschiedene Arbeitsweisen wird damit immer wichtiger. Unsere Planungen für Büros ermöglichen eine flexible Gestaltung der Arbeitsumgebung. Aktuelle Vorrichtungen wie Abstände zwischen den Arbeitsplätzen oder die Vergrößerung der Bereiche für Besprechungen konnten so schnell umgesetzt werden. 

Autor: Broekman+Partner

© Patrick Lipke/brandherm + krumrey Susanne Brandherm und Sabine Krumrey leiten gemeinsam das Büro brandherm + krumrey interior architecture mit Sitz in Köln und Hamburg. 

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