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12. Nov 2018

Drei Fragen an Werner Aisslinger

Das Berliner Design Studio Aisslinger ist seit Jahren erfolgreicher Vorreiter und Trendsetter auf dem Gebiet Storytelling, narrative Architektur und Raumgestaltung. Wir haben mit Werner Aisslinger über seinen Entwurf des 25 Hours Hotel "The Circle" in Köln gesprochen und über die Verwendung von nachhaltigen Materialien bei seinen Entwürfen.

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In diesem Sommer wurde das von Ihnen entworfene 25 Hours Hotel "The Circle" im Kölner Gerling-Quartier eröffnet. Wie gehen Sie so ein Großprojekt an?

Unser Anspruch bei solchen Hotelprojekten ist, Orte zu schaffen, die sich maximal mit der Stadt und dem Umfeld verknüpfen. Im Social-Media-Zeitalter sind Hotels mit Coworking-Bereichen, Bar und Restaurant reale analoge soziale Orte, in denen sich, wenn sie cool genug sind, auch die "Locals" gerne aufhalten, treffen und verabreden. Dieser Mix der Locals mit den Hotelgästen ist das beste was einem Hotelprojekt passieren kann – und entsprechend müssen wir uns als Designer vorher mit der Stadt vertraut machen.

Etwas allgemeiner könnte man sagen: In unserer, durch das Ende der einen großen historischen Erzählung charakterisierten postmodernen Zeit, spielen die kleinen Geschichten konkreter Räume oder auch einzelner Produkte eine immer größere Rolle. Dabei geht es um das Bedürfnis nach mehr Information – aus welchem Land stammt ein Objekt, welchen CO2-Footprint hat es etc. – aber auch um emotionale Bezugspunkte zum Gegenstand.

Designer und Architekten entdecken hier ein spannendes Spielfeld, das sich mit historischen Bezügen, Materialien, Traditionen, Generationen, Natur und allen sensitiven Bedürfnissen von Menschen auseinandersetzt ohne als Disneyfizierung, also dekorative Kulissenwelt, zu enden.

In Köln nimmt das Storytelling die architektonische Form und die Zeit auf, in der dieser eigensinnige, als Verwaltungssitz des Gerling-Versicherungskonzerns dienende Rundbau realisiert wurde. Das neue 25h Hotel "The Circle" wird zum Rotationskörper, einer im All schwebenden Raumstation ähnelnd. In der Gestaltung wird das Zukunftsideal einer Zeit wieder erfahrbar, dass die Menschheitsevolution als Fortschritt in Richtung einer umfassend technisierten Zukunft imaginierte.

Diese zukunftsgläubige, optimistische Phase der 50er- und 60er-Jahre wurde von uns aufgegriffen, ihre Ideen, Materialien und Farbwelten entlang des Leitmotivs des Retro-Futurismus für die Gestaltung eingesetzt. Der Name "The Circle" nimmt dabei zum einen die Kreisform des Gebäudes auf – spielt aber auch auf den so betitelten Roman von Dave Eggers an: eine Zukunftsdystopie in der die Freiheiten von Social Media in Totalüberwachung umschlagen.

Sie haben vor einigen Jahren den "Hemp Chair" entworfen. Ein Stuhl, der komplett aus Hanf gefertigt wurde. Wie wichtig ist Ihnen als Produktdesigner die Nachhaltigkeit von Materialien bzw. was macht die Arbeit mit natürlichen Materialien so spannend?

Nachhaltigkeit ist für die Arbeit von Studio Aisslinger Programm. Schon die Ölkrise von 1973 und der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums, also die Erkenntnis, dass die Ressourcen des Planeten begrenzt sind, das ökologische Gleichgewicht instabil wird und die irdischen Existenzmöglichkeiten limitiert sind, beendeten die naiven visionären Träume und Utopien der 60er und 70er Jahre.

Aber erst in den letzten Jahren werden ökologische Materialien, ressourcenschonende Produktions- und Gebrauchsweisen als konstitutiv für gutes Design wirklich entdeckt. Studio Aisslinger verfolgt spekulative Projekte, in denen nachhaltige Designlösungen in der Wohnwelt (z.B. kitchen farming) ausgelotet werden. Die Ergebnisse werden in unsere alltägliche Arbeit eingewoben und so sichergestellt, dass Fragen der Ökologie und Nachhaltigkeit nicht auf spezielle Research-Projekte beschränkt bleiben.

Upcycling- und Materialforschungsprojekte werden ebenso bearbeitet wie Projekte, in denen der CO2-Footprint auf Zuliefererketten und local sourcing hin untersucht wird. Nicht zuletzt wegen der Digitalisierung gewinnen authentische traditionelle und haptisch erfahrbare Naturmaterialien wie Holz wieder an Bedeutung.

Eins der bekanntesten Designobjekte ist der von Ihnen entworfene "LoftCube", ein mobiler, würfelförmiger Wohn-oder Arbeitsraum. Inwiefern ist der "LoftCube" auch eine Antwort auf veränderte Arbeitswelten der Menschen in der Zukunft?

Gedacht als eine Möglichkeit, die Dachbrachen von Großstädten auf innovative und attraktive Weise bewohnbar zu machen, ist der LoftCube auf seine Weise auch eine Art early Adopter der Tiny House Bewegung. Schließlich wurde das Projekt bereits 2003 vorgestellt. Fragen der Nachhaltigkeit und Mobilität wurden dann in seiner Weiterentwicklung zum FinCube 2009 noch wichtiger.

Tatsächlich war der LoftCube seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus und dass er bis heute so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, hängt sicher auch damit zusammen, dass die Idee eines flexiblen, beweglichen und trotzdem attraktiv gestalteten Wohn- und Arbeitsplatzes immer mehr Resonanz erfährt. Schaut man sich die Standorte der LoftCubes zum Beispiel auf dem Dach des !Hotel Daniel! in Graz, im Park des !Chateau de la Poste! in Belgien oder am Strand oberhalb von Beirut im Libanon an, so wird schnell klar, welche Möglichkeiten solch eine nomadische Lebensweise heute bietet: Attraktive Arbeitsorte.

Auch der Coworking-Bereich am fernen Karibikstrand ist Teil der aktuellen Arbeitsrealität und in der Hinsicht ist der LoftCube als "Schneckenhaus" des modernen Arbeitsnomaden Teil dieser Evolution von dezentralen Arbeitswelten.

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