20. Dez 2018

Einrichtungsbranche auf der Suche nach neuen Payment-Systemen

Mobile Payment, Self-Checkout und kontaktloses Bezahlen sind technologisch keine große Sache mehr. Doch die Vielfalt an Lösungen und die Gewohnheiten der Konsumenten machen eine Umstellung schwierig.

Die Möbel sind ausgesucht, die Kunden schlendern zufrieden zur Kasse – doch mit Schrecken müssen sie feststellen, dass sich dort schon eine Schlange gebildet hat. Die langen Gesichter lassen ahnen, dass einige Käufer mit dem Einkaufserlebnis plötzlich gar nicht mehr zufrieden sind.

Ohne Zahlen geht es eben nicht, aber gibt es wirklich keine besseren Lösungen als die jetzigen Payment- und Kassensysteme? Einen Anlauf hat beispielsweise der Elektrohändler Saturn in Hamburg gestartet: Die Kunden bezahlen direkt vor dem Regal mittels App, danach müssen sie die Waren nur noch entsichern lassen.

Fakt ist: Unternehmen unterschiedlicher Branchen suchen händeringend nach Alternativen. Mehr als eine Million Kassen sind im deutschen Handel derzeit im Einsatz. 86 Prozent aller Unternehmen im deutschsprachigen Raum wollen – oder vielmehr müssen – in den nächsten zwei bis drei Jahren ihre Kassensysteme umstellen, hat eine Umfrage des EHI Retail Institutes ergeben.

Das liegt nicht nur an veralteter Hard- und Software, sondern vor allem an den technologischen Entwicklungen der jüngsten Zeit und den Ansprüchen der Konsumenten. Anstellen an der Kasse zählt zu den größten Ärgernissen für Kunden und ist ein gravierender Nachteil des stationären Handels gegenüber dem E-Commerce, wo der Bezahlvorgang im Idealfall nur wenige Mausklicks dauert. Im Speziellen betrifft das auch Einrichtungshäuser.

Markt ist derzeit stark fragmentiert

Der Haken an der Sache: Es mangelt zwar nicht an Ideen und Lösungen, doch in der Praxis bewähren sich nur die wenigsten. So musste Apple den Start von Apple Pay in Deutschland mehrfach verschieben; Mercedes Pay und Paydirekt kommen nicht vom Fleck; diverse Wallet-Lösungen großer Konzerne wie Vodafone oder Telekom sind gescheitert.

Der Markt für neue Payment-Lösungen ist so fragmentiert wie unübersichtlich; beinahe täglich gibt es Meldungen über gescheiterte und neue Bezahlangebote für den Handel. Erst vor Kurzem ist H&M beim Payment-Spezialisten Klarna eingestiegen – der kooperiert unter anderem auch mit Ikea. Das Problem: Selbst enorme Investments in Technologie und Marketing garantieren nicht, dass sich die Lösung am Markt durchsetzt, also vom Kunden akzeptiert wird.

Auch Self-Checkout und Self-Scanning kämpfen mit Schwierigkeiten: Einerseits ist eigenmächtiges Einscannen und Zahlen nicht jedermanns Sache, andererseits erfordern Spezialartikel – etwa jene, die unter den Jugendschutz fallen – erst recht wieder den Einsatz von Mitarbeitern. Ikea ist einer der wenigen, der Selbstbedienungskassen im großen Stil einsetzt.

Ganz reibungslos funktioniert es allerdings auch beim schwedischen Möbelhaus nicht, selbst wenn Kunden traditionell ans Selbermachen gewohnt sind: Immer wieder braucht es Mitarbeiter, die beim Scannen und Zahlen erste Hilfe leisten.

Dabei sind die Weichen für neue Bezahlsysteme technologisch längst gestellt: Mittels App oder gespeicherter Karte lässt sich das Smartphone als Geldbörse nutzen oder eine Karte ermöglicht dank NFC-Technologie das rasche, kontaktlose Bezahlen. Weshalb können sich neue Bezahlvarianten wie Mobile Payment dann noch nicht durchsetzen?

Hauptgrund ist die Vielfalt der Angebote: Händler und Konsumenten gleichermaßen wissen nicht, für welches System sie sich entscheiden sollen. Insellösungen statt breit akzeptierter Standards machen die Sache kompliziert.

Während für die Konsumenten die Bequemlichkeit an oberster Stelle steht, kommt es für den Handel auch auf weitere Kriterien an – neben laufenden Kosten und Investitionssicherheit unter anderem die Verknüpfung der Kassen- mit den Lagerhaltungssystemen, die Integration in vorhandene Strukturen und die Möglichkeit zur Einbindung von Kundenkarten am POS. Idealerweise werden mehrkanalfähige Warenwirtschaftssysteme inklusive Kassensystem aufgebaut, die allen Anforderungen entsprechen.

Kulturelle Unterschiede

Eine weitere Hürde: Die kulturellen Unterschiede beim Bezahlen sind groß. Während beispielsweise in Deutschland und Österreich ein Einkauf ohne Bargeld für die Mehrheit noch unvorstellbar ist, wird Cash beispielsweise im Vereinigten Königreich oder in Schweden zur aussterbenden Spezies – dort sind es Kunden gewohnt, mit App oder Karte zu zahlen. Doch die Gewohnheiten ändern sich überall – und zwar rascher, als so manches Unternehmen mit der Umstellung seiner Kassensysteme nachkommt.

Dabei sind durchaus radikale Ansätze vielversprechend, etwa mobile Bezahlsysteme als Ergänzung oder Ersatz der herkömmlichen Kassa. Die Kunden können überall zahlen, das lästige Anstellen entfällt. Oder jene Lösung von Rapitag, bei dem Sicherungsplomben nach Bezahlung von den Käufern selbst abgestreift werden können. Hingegen dürfte das Amazon-Ladengeschäft in Seattle, bei dem der Einkauf via Kameras erfasst und abgerechnet wird, in Europa aus Datenschutzgründen kaum in Frage kommen.

Und die Suche nach neuen Systemen endet nicht im Ladengeschäft: Ein Beispiel ist das Möbelhaus Inhofer, das für sein eigenes Bezahlsystem mit Wirecard kooperiert. Kunden leisten für die gewünschten Möbel beim Kauf vor Ort eine Anzahlung, der Rest wird bei Übernahme der Lieferung mittels Kredit- oder Maestro-Karte beglichen. Die Lieferanten nutzen dafür App und mobile Geräte. Das unterstreicht die Multichannel-Strategie des Anbieters – und für die Kunden zählen letztlich nur Bequemlichkeit und Sicherheit.

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