03. Jun 2019

Auf Wasser gebaut: Floating Houses

Von New York bis Shanghai sind Architekten zunehmend mit dem gleichen Problem konfrontiert: Zu wenig Platz, für zu viele Menschen. Die Herausforderung, neue bewohnbare Flächen innerhalb der Stadt zu erschließen, ist nicht leicht. Viele Architekten, Bauherren und Stadtplaner stellen sich ihr vermehrt mit schwimmender Architektur.

Neuer Lebensraum auf dem Wasser

Egal, ob Asien, USA oder Europa: in den Großstädten dieser Welt wird Wohnraum immer mehr zu einer wichtigen Ressource. Die meisten Städte können im Innenstadtbereich kaum noch wachsen und steigende Mieten sind ein Symptom dieses Problems. Metropolregionen in unmittelbarer Wassernähe versuchen mit schwimmenden Häusern neue Wohnflächen zu erschließen und so eine Antwort auf die Wohnungsknappheit zu finden.

Die sogenannten „Floating Houses“ meistern zwei Probleme auf einmal: Zum einen lösen sie die Nachfrage nach Wohnraum in den Großstädten und zum anderen dienen sie auch dem Hochwasserschutz. Vor allem Küstenstädte sind durch den Klimawandel und den damit bedingten Anstieg des Meeresspiegels stark betroffen und suchen nach neuen Strategien, sich mit dem Wasser zu arrangieren und den Nachteil in einen Vorteil umzuwandeln.

„Floating Houses“ in Amsterdam

Das die Niederlande als Pioniere in Sachen „Floating Houses“ gelten, verwundert nicht. Rund ein Viertel des Landes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Wasser ist für die Niederländer schon lange ein wichtiges Element städtebaulicher Maßnahmen. Amsterdam ist als europäische Großstadt weltweit für die vielen Hausboote bekannt, die in den Grachten zusätzlichen Wohnraum schaffen.

Aber nicht nur im Stadtzentrum leben die Amsterdamer auf dem Wasser, sondern auch im Osten der Stadt. Auf künstlich aufgespülten Sandinseln entstand hier der neue Stadtteil IJburg. In der ersten Bauphase wurden insgesamt 18.000 Wohnungen mit Wohnraum für 45.000 Menschen geschaffen. Im westlichen Teil von IJburg wurde gleichzeitig auch die sogenannte Waterbuurt Siedlung geplant – das „Floating Houses Projekt IJburg“ des Amsterdamer Architekturbüros Marlies Rohmer Architects & Urbanists.

Ohne festen Untergrund funktioniert die Nachbarschaft vor allem mit Stegen und Anlegern, über die die Wohngebäude erschlossen werden. Gärten sind nicht erlaubt, aber das Leben in unmittelbarer Nähe zum Wasser entschädigt. Eine Schleuse sorgt dafür, dass das Binnenmeer, auf dem die „Floating Houses“ treiben, vom IJmeer abgetrennt ist. So driften die Wohnungen nicht ins offene Meer ab. Das Projekt wurde 2011 bereits abgeschlossen und umfasste sowohl sozialen Wohnungsbau als auch Eigentum.

IJburg ist aber noch lange nicht architektonisch voll erschlossen. Nach Osten hin wächst die „Wassersiedlung“ weiter. Bis 2020 will das niederländische Architekturbüro Waterstudio.NL rund 380 zusätzliche Wohnungen, Büros, schwimmenden Gärten und einem Restaurant fertig stellen. Von einem Bungalow bis zu einem dreigeschossigen Wohnhaus ist für die Architekten alles möglich.

Amphibienhäuser an der Themse

Auch andere Länder, wie Großbritannien, entdecken Wasser als zusätzlichen Wohnraum für sich. So entstanden in Buckinghamshire, in der Nähe von Marlow an der Themse, die sogenannten „Amphibious Houses“. Der Entwurf stammt von dem Londoner Architekturbüro Baca Architects. Bei Niedrigwasser steht das Haus wie ein konventionelles Gebäude auf dem Boden und bei Hochwasser kann es schwimmen.

Eine Art Trockendock aus Stahlbeton, in dem das Haus liegt, macht das möglich. Wenn der Trog geflutete wird, steigt das Haus langsam mit dem Wasser bis an die Wasseroberfläche. Ein Verankerungssystem hält es auf Position, den Auftrieb sichern Luftkammern unter dem Fußboden.

Leben auf dem Wasser: Die Zukunft ist jetzt

In Hongkong oder Macau leben die Menschen schon lange auf dem Wasser – in Dschungelsiedlungen, die aus alten, nicht mehr genutzten Segelbooten bestehen. Aber auch in den USA haben Siedlungen auf dem Wasser Tradition. In Seattle liegt eine der größten Ansammlungen von schwimmenden Häusern in der Portage Bay und auf dem Lake Union. Und auch die Deutschen finden immer mehr Gefallen an dem Leben auf dem Wasser.

So entstehen beispielsweise in Hamburg mehr Anlegegestellen für Hausboote und schwimmende Häuser. Die Idee von schwimmender Architektur ist nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Teil der Realität. Der Mensch lernt, mit dem Wasser zu leben und es städtebaulich zu nutzen. Und das nicht nur in Europa oder Asien, sondern auf der ganzen Welt.

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