27. Mai 2019

Künstliche Intelligenz entwirft Stuhldesign

Auf Anregung von Stardesigner Philippe Starck entstand das erste von einem Algorithmus entwickelte Design eines komfortablen Stuhls, der industriell produziert wird. Gemeinsam mit dem Möbelhersteller Kartell und den 3D-Softwarespezialisten von Autodesk trat Starck in eine Art Dialog mit dem Computerprogramm, um das optimierte Sitzmöbel „A.I.“ zu generieren.

Der französische Stardesigner Philippe Starck hat die Initiative zu einem für die Möbelbranche wegweisenden Projekt ergriffen – dem ersten durch Künstliche Intelligenz („KI“, im Englischen „AI“) konzipierten Stuhldesign, das von einem Möbelhersteller produziert wird. Gemeinsam mit dem experimentierfreudigen italienischen Hersteller Kartell und der amerikanischen 3D-Softwareentwicklungs- und Engineering-Firma Autodesk präsentierte Starck im April anlässlich der Mailänder Möbelmesse den serienreifen Stuhl „A.I.“, der vollständig von einem Algorithmus entwickelt wurde. Sein mit einer Prototypen-Software generiertes Design entstand in enger Zusammenarbeit von künstlicher und menschlicher Intelligenz. Starck bezeichnet die außergewöhnliche Kooperation als „Natural Intelligence“.

Algorithmus und menschliche Intelligenz

Der Austausch mit dem Computer sei ähnlich einer Konversation mit schrittweisen Lerneffekten verlaufen, um ein optimales Ergebnis zu erhalten. Obwohl designgeschichtliches Wissen bei diesem Projekt nicht berücksichtigt wurde, erinnert die Linienführung des A.I. in einigen Entwicklungsschritten an die Formensprache des Jugendstils, wie das Video des Entstehungsprozesses zeigt.

Künstliche Intelligenz generierte das Design des A.I. Stuhls. Es entstand im gemeinsamen Dialog von Mensch und Maschine mit Designer Philippe Starck sowie dem Hersteller Kartell und den 3D-Softwarespezialisten von Autodesk.

Durch KI optimierte Materialmengen

Das einzigartige Möbelprojekt basiert auf der Fragestellung des Projektteams: „Artificial Intelligence, wie könnte ein komfortabler Stuhl aussehen, der eine entspannte Sitzhaltung für den menschlichen Körper mit einer möglichst geringen Materialmenge ermöglicht?“. Der innovative Stuhl sollte eine minimalistische Ästhetik sowie eine stabile Struktur haben und allen Anforderungen an ein funktionales Sitzmöbel gerecht werden, wie es der Designphilosophie von Kartell entspricht. „A.I. ist der erste Stuhl, der außerhalb unseres Gehirns, außerhalb unserer Gewohnheiten und der Art und Weise, wie wir zu denken gewohnt sind, projektiert wurde,“ sagt Philippe Starck. So öffne sich uns eine neue Welt.

„Mit Starck und Kartell zu arbeiten war eine Inspiration,“ ergänzt Mark Davis, Senior Director of Design Future bei Autodesk. Dies sei eine Forschungskooperation auf höchstem Niveau, „die zu einem der kreativsten Ergebnisse führt, die wir je mit generativem Design erreicht haben.“

Experimentelle Möbelprojekte mit Unikaten

Zuvor gab es schon andere experimentelle Projekte, bei denen Algorithmen an der Gestaltung von Möbeln beteiligt waren. Die daraus hervorgegangenen Designobjekte wurden jedoch nicht von einem Möbellabel produziert. Der Niederländer Joris Laarman ist ein Pionier, was die Gestaltung mit Hilfe von 3D-Druckverfahren und Robotern betrifft. Er versucht zu erforschen „wie das Design der Zukunft aussehen könnte.“ Eines seiner bekanntesten Projekte ist der „Bone Chair“, ein Entwurf aus dem Jahr 2006. Laarman orientierte sich dabei am Wachstum von Knochen, die an stark beanspruchten Stellen mehr Material aufweisen als an solchen mit weniger Belastung. Die Unikate entstehen in Keramik-Gussformen, die im 3D-Druck hergestellt und mit flüssigem Aluminium befüllt werden. Das Finish der Oberfläche erfolgt in Handarbeit.

Ein weiteres, viel diskutiertes Projekt zum Thema Stühle stammt von den deutschen Designern Philipp Schmitt und Steffen Weiss. Das Designerduo speiste einen Algorithmus (generative neural network) mit mehreren hundert Bildern von Ikonen des Stuhldesigns aus dem 20. Jahrhundert auf Pinterest. Ziel der beiden Gestalter war es, in Zusammenarbeit mit dem lernenden Computerprogramm einen „neuen Klassiker“ zu entwickeln. Die Ergebnisse des „chAIr“ Projekts wurden genutzt, um Zeichnungen zu erstellen und Prototypen zu bauen.

Wie wirkt sich KI auf den Möbelhandel aus?

Im Blog der amerikanischen Online-Plattform für Möbel „Blueport Commerce“, wagt Sales & Marketing Manager Erica Nolan einen Blick in die Zukunft. KI-Technologien seien viel schneller und sicherer als der Mensch in der Lage, Trends und Muster zu identifizieren. Im Einzelhandel biete die Künstliche Intelligenz vielfältige Möglichkeiten, Kosten zu senken und die Verkaufszahlen zu steigern. So könnten auf frühere Verkäufe basierte Daten, aktuelle Trends oder der Einfluss von Wetter dazu dienen, nur solche Möbel zu lagern, die sich zurzeit gut verkaufen. Auch bei der Preisgestaltung könne KI unterschiedliche Datenquellen nutzen, um Preise automatisch anzupassen, den Umsatz zu steigern und Verluste zu minimieren. Und nicht zuletzt, so Nolan, ermöglichen Algorithmen, Preise und personalisiertes Marketing in Echtzeit anzupassen.

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