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Martin Auerbach, Geschäftsführer Fachverband Matratzen-Industrie, über Kreislaufwirtschaft

Die „doppelte Achtsamkeit“ hält Einzug in die Schlafzimmer. Achtsamkeit mit sich selbst und Achtsamkeit mit der Umwelt. Wie sich die Hersteller diesen Herausforderungen stellen, erläutert Experte Martin Auerbach bei uns im Interview.

05. Jul 2021

Wie wird sich die Bedeutung von Betten und Schlafsystemen in der Zukunft verändern? 

Martin Auerbach: Unsere Branche ist sehr stark darin, ein auf den ersten Blick unscheinbares Produkt wie die Matratze immer wieder neu zu erfinden und mit kreativen Ideen weiterzuentwickeln. Das übergeordnete Ziel ist dabei im wahrsten Sinnen des Wortes, die Grundlage für erholsamen Schlaf zu liefern. 

Denn bei allen Weiterentwicklungen und Innovationen ist es mir persönlich wichtig, zu betonen, dass es im Kern immer darum gehen wird: Erholsamer Schlaf ist ein lebenswichtiger Prozess, da unterscheidet sich der Mensch kaum von anderen Lebewesen und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. 

Gerade Küche und Badezimmer werden immer smarter. Welche Zukunft hat ein smartes Schlafzimmer? Oder hat smarte Technik im Schlafzimmer keine Relevanz? 

Martin Auerbach: Sicher werden smarte Technologien auch an der Schlafzimmertür nicht Halt machen. Sie können zum Beispiel helfen, bei der Wahl der geeigneten Matratze die enorm wichtigen individuellen Faktoren noch gezielter einzubeziehen (zum Beispiel durch Ergonomie-Checks) oder gewisse Abläufe im Schlaf zu überwachen. 

Für die bestmögliche Schlafqualität wird aber auch in Zukunft essenziell sein, Verbrauchern zu vermitteln, wie wichtig eine gute Schlafberatung ist. Die Investition in ein auf sie abgestimmtes Schlafsystem ist zugleich auch eine Investition in gutes Liegen und Wohlbefinden. 

Welche Trends gibt es in der Matratzenherstellung? Nach einer Kaltschaum-Phase vor 10 Jahren war Federkern wieder en vogue und Boxspring-Betten. Was kommt als Nächstes? 

Martin Auerbach: Da knüpfe ich an das zuvor Gesagte an: Die derzeit größte Herausforderung ist es, die Funktionalität von Schlafsystemen und damit optimale Liegeeigenschaften für alle Bedürfnisse zu liefern und gleichzeitig nachhaltige, kreislauffähige Produkte zu entwickeln. Aus Kundensicht propagieren wir quasi „doppelte Achtsamkeit“: Achtsamkeit für sich selbst durch gesunden Schlaf und Achtsamkeit im Umgang mit globalen Ressourcen durch kreislauffähige Produkte. 

Was bedeutet denn „kreislauffähig“? Was verbinden Sie mit dem Konzept der Kreislaufwirtschaft und was heißt das für die Matratzen-Industrie? 

Martin Auerbach: Zum ersten Teil Ihrer Frage ist mir die Klarstellung des Begriffs wichtig: „Kreislaufwirtschaft“ wird in Deutschland häufig (miss-) verstanden als möglichst umweltverträgliche Abfallwirtschaft, die im besten Fall im Recycling münden soll. Natürlich brauchen wir Lösungen für die Matratzen von heute, denn sie haben eine Lebensdauer von rund zehn Jahren und werden uns also noch lange beschäftigen. Uns geht es aber um eine ganz neue Generation von Produkten, die in geschlossenen Stoffkreisläufen geführt werden. Deshalb sprechen wir von „echter Kreislaufwirtschaft“. 

Wenn bei Matratzen verschiedene Komponenten miteinander verbunden werden, erschwert das die Zerlegung in die Ausgangsmaterialien. Da rechne ich mit einer Trendwende. Erste Beispiele am Markt zeigen eine Entwicklung hin zu Monomaterialien oder modular aufgebauten Produkten. Weitere Trends sind biobasierte Rohstoffe und der Einsatz von Rezyklaten. 

Welche Auswirkungen haben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft von Matratze, Bett und Schlafzimmer auf unseren Schlaf, den Handel, und die Marktentwicklung? 

Martin Auerbach: Produktentwickler müssen Matratzen neu denken. Die erste Fragestellung lautet: „Aus welchen Materialien und mit welcher Technik kann ich mein Produkt so bauen, dass es im Kreislauf bleibt?“ Der nächste Schritt ist, auf dieser Basis die gewohnten Produkteigenschaften zu erzielen, die Handel und Verbraucher schätzen. 

Unternehmen, die jetzt auf kreislauffähige Produkte setzen – und damit meine ich Hersteller und Händler –, erhöhen mittel- bis langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und das Wachstumspotenzial. Ein Produkt, das auch am Lebensende ein Wertstoff bleibt, kann die Rentabilität steigern und zugleich einen Kontrapunkt zur derzeitigen Rohstoffknappheit setzen. 

Würden Sie denn sagen, dass es sich bei diesen neuen Produkten in unseren Schlafzimmern um einen Wachstumsmarkt handelt? Sind Umweltschutz und Ressourcenschonung heute schon relevante Nachfragekriterien? 

Martin Auerbach: Ich bin mir sicher, dass wir es mit einem Wachstumsmarkt zu tun haben. Zusätzlich zu den kreislauffähigen Schlafsystemen sind eine ganze Reihe von Innovationen und neuen Geschäftsmodellen gefragt. Zum Beispiel „Traceability“, also Nachverfolgbarkeit von Produkten; Lösungen, um nachhaltige Produkte transparent, bewertbar und vergleichbar zu machen. 

Transparenz ist auch die Voraussetzung, damit Verbraucher sich aktiv für „grüne Produkte“ entscheiden können. Noch mag der nachfragegetriebene Druck für den Handel überschaubar sein, doch spätestens mit Fridays for Future wächst eine Generation heran, die ihr grünes Gewissen nicht an der Kasse abgeben und auch bei der Einrichtung ihrer Schlafzimmer entsprechende Produkte einfordern wird. Wir stehen vor großen Veränderungen und Innovationen! Einige Matratzenhersteller haben „gut vorgelegt“ und setzen jetzt Maßstäbe. Andere werden folgen, denn der Wandel ist alternativlos. 

Welche Rolle spielt für Ihren Verband die Kooperation im Kompetenz-Zentrum Textil + Sonnenschutz? 

Insbesondere auf der Meta-Ebene stehen wir beim „Projekt Circular Economy“ alle vor ähnlichen Herausforderungen und können gemeinsam weit mehr erreichen als jeder Verband für sich. Und auch bei den branchenspezifischen Herausforderungen lohnt sich der Blick über den Tellerrand. Wir können voneinander lernen, zum Beispiel durch Best-Practice-Beispiele. 

Dafür nutzen wir zum Beispiel unseren Arbeitskreis Kreislaufwirtschaft und eine Veranstaltungsreihe. In wenigen Tagen geht unsere neue Online-Plattform zur Kreislaufwirtschaft an den Start, bei der Networking und das Teilen von Wissen im Vordergrund stehen. 

Über den Fachverband Matratzen-Industrie e.V.: Als Zusammenschluss führender deutscher industrieller Hersteller von Matratzen und Bettsystemen, repräsentieren wir mit aktuell 17 Vollmitgliedern einen Marktanteil von rund zwei Dritteln. Zu unseren Mitgliedern zählen außerdem auch Unternehmen aus der Zuliefer-Industrie. Jenseits eigener Firmeninteressen wirken namhafte, renommierte Unternehmen daran mit, gemeinsam eine breite Öffentlichkeit für die große Bedeutung guten Schlafens als Teil einer gesundheitsbewussten Lebensweise zu sensibilisieren. Darüber hinaus arbeiten wir an brancheneinheitlichen Standards, die der Industrie, dem Handel und dem Verbraucher die Orientierung erleichtern. Zusammen mit dem Verband der deutschen Heimtextilien-Industrie (Heimtex) und dem Verband innenliegender Sicht- und Sonnenschutz (ViS) bilden wir das Kompetenz-Zentrum Textil + Sonnenschutz mit Sitz in Wuppertal (www.matratzenverband.de).

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