Virtuelle Welten

Metaverse – mega Chance oder mega Bluff?

Es rückt in greifbare Nähe – das Metaversum. Es bringt uns blumige Designersessel und Bilder von Promi-Hochzeiten auf dem Mond. Es ist gespickt mit schrillen Kreaturen, Avataren und Gamern – und fleißigen Angestellten. Es ist also an der Zeit, sich mit der Frage zu beschäftigen: Was ist das Metaversum und warum ist das wichtig?

02. Aug 2022

Kurzgefasst, kann man das Metaversum als eine digitale Welt beschreiben, die wir ausschließlich mit technischen Hilfsmitteln betreten können. Sie existiert online und dennoch können wir sie mit all unseren Sinnen erleben, erfassen und gestalten. 

Die Voraussetzungen dafür: spezielle Brillen, Kameras, Soundsysteme, Headsets, mit Sensoren ausgestattete Handschuhe und Anzüge. Vieles davon nutzen wir seit Jahren für Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR). AR und VR sind die Basis des Metaversums. 

Während in der AR Bilder und Informationen aus der realen Welt um virtuelle ergänzt werden, erschafft die VR komplett künstliche, neue Welten. Im Metaversum verschmelzen diese technischen Möglichkeiten zu einer Cyberwelt, die wir mit einer eigenen Identität leibhaftig erfahren und gestalten können. 

Dieses Bild veröffentlichte der Hochzeitsplaner Enzo Miccio von der Hochzeit des Fußballers Kevin-Prince Boateng, die 2022 auch auf dem Mond stattfand. Bild: Screenshot Instagram/enzomiccio

Der Sessel, der aus dem Metaversum kam 

Während den meisten Menschen das Metaversum noch weit entfernt scheint, leben bereits Millionen Menschen zeitweise darin. So haben sich beispielsweise Fortnite-Spieler ein virtuelles Universum erschaffen, in dem Hunderttausende zeitgleich miteinander kämpfen oder Musik-Events erleben, ganz gleich wo ihr Gaming-Sessel steht, ob in Alaska oder Zimbabwe.  

Andere wiederum erschaffen Möbel für metaverselle Welten, die darin so beliebt werden, dass sie in die reelle geholt werden: Der blumige Sessel von Moooi, der bei der Mailänder-Möbelmesse 2022 Furore machte, wurde in einer virtuellen Welt designt, mit unzähligen Blütenblättern versehen, die es der analogen schwer machten, ihn nachzubauen. 

Das ist 2022 aber gelungen und ein echter Hingucker geworden. Die Grenzen zwischen den Welten werden jetzt schon fließend – es wird Zeit, sie kennenzulernen.   

Die gar nicht mehr so junge Geschichte des Metaversums 

Das Metaversum ist überraschend alt. Nicht nur, weil uns das Leben online bereits vertraut ist. So haben wir seit Jahren viele Bereiche unseres Lebens in digitale Räume verlegt: Wir shoppen, daten, spielen und meeten online. Das Metaversum kommt so gesehen als eine weitere Ebene dazu und beruft sich auf einen Jahrzehnte alten Namen, der aus dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ stammt. 

Weltweite Beachtung erfuhr dieser als Mark Zuckerberg sein milliardenschweres Unternehmen Facebook im Herbst 2021 in Meta umbenannte, für eine „neuen Generation des Internets“, vom Web 3.0, schwärmte und seither massiv in dessen Entwicklung investiert. Microsoft und andere Tech-Giganten tun es ihm gleich und schaffen eine Gegenwart, die aktuell nicht so leicht zu durchschauen ist.  

Mark Zuckerberg erzählt auf Youtube von dem Metaversum, wie er es sich vorstellt. Bild: Screenshot Youtube

Die Gegenwart der Parallelwelt 

Aktuell tummeln sich vor allem Online-Spieler im Metaversum. Aber sie bekommen immer mehr Gesellschaft: Unternehmen und Promis, die darin Werbung für sich und ihre Produkte machen, Menschen auf der Suche nach dem neuen Gold, die mit Kryptowährungen zu Reichtum kommen wollen.

Das Metaversum scheint derzeit für viele ein virtueller Wilder Westen zu sein, der Abenteuerlustige anlockt und exorbitante Hoffnungen weckt. Konzerne wie BMW und Microsoft erschaffen darin ganz pragmatisch digitale Räume, in denen sich Mitarbeitende zeitgleich austauschen.

Sie treffen sich als Avatare in virtuellen Arbeitsräumen, halten Meetings in Echtzeit ab und starren dabei nicht wie andere in Video-Konferenzen gebannt auf einen Monitor, in dem oft kläglichen Versuch die vielen kleinen Köpfe im Blick zu behalten oder Bildschirme zu teilen. 

Microsoft will allen Teams bis Ende 2022 eine Integration von Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Brillen anbieten, um ihnen die Arbeit in 3D im Web 3.0 zu ermöglichen. 

BMW nutzt das Metaversum auch für die Konstruktion, Produktionsplanung und den Vertrieb. Weltweit verstreute Ingenieurinnen und Ingenieure entwickeln gemeinsam Autos, in der (fast) realistischen 3D-Welt des Metaversums. BMW, Ford, der Chiphersteller Nvidia und andere übersetzen aktuell ganze Fabriken mit Maschinen und Mitarbeitenden in eine fotorealistische Welt, um diese in eine virtuelle zu übertragen und darin Arbeitsprozesse zu testen und zu optimieren. 

Technikerinnen und Techniker arbeiten darin nicht mit Simulationen, sondern in einem digitalen Raum, in dem sie sich frei bewegen und sogar wie in der guten alten analogen Welt an Tonmodellen gemeinsam und zeitgleich feilen können.  

Dabei erschaffen die meisten Unternehmen ihre eigenen virtuellen Räume. Sie bauen sich eine Welt, wie sie ihnen gefällt, als eigenes Metaversum. In viele kann man sich einfach einloggen oder ein virtuelles Stückchen mieten, kaufen, nutzen und bespielen.  

Geld regiert die (Meta-)Welt 

Eines der aktuell erfolgreichsten Metaversen ist „The Sandbox“. Das Online-Spiel hat digitale Räume entwickelt, in denen sich User zu Gemeinschaften zusammenschließen, Handel, Krieg und Geschäfte treiben können. In der Sandkasten-Welt gibt es Grundstücke, die mit Kryptowährungen und NFTs gekauft oder selbst erstellt werden können.  

NFTs (Non-Fungible Token) spielen in allen Metaversen eine wichtige Rolle. Sie sind die Bausteine für Handlungen mit Kryptowerten und fungieren in geschlossenen Computer-Netzwerken als Identifizierungs-Zugang. Mit NFTs können Authentifizierung sicher durchgeführt und somit im Internet Zahlungen abgewickelt werden. Sie können auch mit Währungen aus anderen Netzwerken, beispielsweise aus unserer Wirtschaftswelt, gehandelt werden. 

So kann sich jeder in der Sandbox-Welt NFTs für 10 Dollar kaufen. Jedes NFT ist ein Stück Sandbox-Land und eindeutig seinen Besitzenden zuzuordnen. Um den (wenn auch virtuellen) Wert der Grundstücke zu erhöhen, ist die Anzahl an Landstücken in The Sandbox begrenzt und wenn man ein Stück des Sandbox-Metaversums besitzen möchte, muss man an einem der streng limitierten Vorverkäufe teilnehmen.  

Neben „The Sandbox“ gibt es noch viele andere Metaversen, die um User buhlen. Im „Decentraland“ zum Beispiel wirbt die Bundeswehr um Mitstreiterinnen und Mitstreiter und das Tennis-Event Australian Open lädt zur Teilnahme in 3D ein. 

Auch Plattformen wie Illuvium, Metahero und Upland haben eigene Welten und Währungen erschaffen, in und mit denen gelebt und gehandelt werden kann. Viele von ihnen werden untergehen, andere neu erschaffen werden, alle getrieben von der Sehnsucht nach neuen Kosmen und Grenzverschiebungen. Berechenbar werden sie erst, wenn die Kryptowährungen es ebenfalls sind.

So sieht die Auswahl an weiblichen Avataren auf „The Sandbox“ aus, mit denen man das Sandkasten-Metaversum betreten kann. Bild: Screenshot sandbox.game 29. Juli 2022

Die Zukunft des Metaversums 

Sie ist wie immer ungewiss. Vieles spricht dafür, dass das Metaverse wichtig wird. Aber wann das genau sein wird und in welcher Form, kann heute niemand sagen. Expertinnen und Experten erwarten ein vollständig entwickeltes Metaversum wegen der immensen Rechenleistung erst in 20 Jahren. 

Denn das Internet wie wir es heute kennen, ist noch nicht in der Lage, eine virtuelle Umgebung zu schaffen, in der sich unbegrenzt viele Personen zeitgleich aufhalten können. Dafür braucht es eine neue Infrastruktur und auch bessere, selbstlernende Software wie Künstliche Intelligenz. 

Allerdings sind die gegenwärtigen Giganten des Tech-Business sehr ambitioniert, diese Welt so schnell wie möglich zu erschaffen, denn das Marktpotenzial ist vielversprechend. Laut Finanzdienst Bloomberg Intelligence soll das metaverselle Geschäft bereits im Jahr 2024 rund 800 Milliarden US-Dollar umfassen. 

Dafür müsste das Metaversum attraktiver werden: Die Figuren nicht mehr wie kantige, schrille Zeichentrickfiguren aussehen und vor allem müssen die Utensilien benutzerfreundlicher werden. Die Headsets und Brillen sind unpraktisch, das Einwählen in das Metaversum ruckelt, die Bilder wirken künstlich und einige erinnern dunkel an Computerspiele aus den frühen 2000ern. 

Wenn man allerdings bedenkt, wie schnell aus den pixeligen Spielen grafische Meisterleistungen oder aus klobigen Mobiltelefonen handgerechte Smartphones wurden und wie schnell sich Menschen aller Generationen weltweit an diese und all ihre Apps und Möglichkeiten angepasst haben, dann wird wahrscheinlich auch diese Entwicklung rasanter vonstattengehen, als wir es uns momentan vorstellen können.  

Eine der wichtigsten die Fragen, die es dafür zu klären gilt: Welche Währung wird sich im Metaversum durchsetzen? Noch gibt es zu viele Kryptowährungen, die mit unterschiedlichen Techniken hergestellt, berechnet und auf unterschiedlichen Plattformen gehandelt werden und die zudem nicht übertragbar sind.

Solange es keine verlässliche Währung für das Metaversum gibt, wird es als Handelsplatz wenig Bedeutung haben. Als Werbe- oder Arbeitsplattform hingegen bietet es jetzt schon einige Möglichkeiten.  

Um diese optimal zu nutzen, müssen sich etablierte Tech-Unternehmen auf Datenstandards einigen, damit Daten zwischen den verschiedenen Anwendungen und Plattformen genutzt werden können. Tatsächlich arbeiten die Großen der Branche aber aktuell alle an eigenen Metaverse-Versionen.

Um sie kompatibel zu machen, haben sich Konzerne wie Meta Platforms, Microsoft, Alibaba, Sony und weitere getroffen, um ein „Metaverse Standards Forum“ zu gründen. In diesem Forum sollen einheitliche Standards entwickelt werden, um zum Beispiel Grund- oder Kleidungsstücke, virtuelle Wohnstätten von einer Welt in die andere übertragen zu können. 

Es müssten auch einheitliche technische Standards für die Hardware geschaffen werden, damit man zum Beispiel jemanden mit AR visuell in ein Meeting dazuholen kann, in dem die anderen als Avatare in der virtuellen Realität (VR) teilnehmen.

Oder auch andersherum: Wenn man sich im echten Leben ein luxuriöses Designersofa gönnt, sollte man das als NFT auch für seinen Avatar im Metaversum haben können, ohne es sich da noch einmal kaufen zu müssen.  

Trotz der erwünschten Kompatibilität liegt die Besonderheit und die Vision der Metaversum-Fans in einer dezentralen Struktur, in der sich viele Welten erschaffen und unterschiedlichste Leben leben lassen. Sie alle sollen bunt und frei sein, von jedem einzelnen User gestaltet und verwaltet werden können. 

Insofern befürchten viele der Web-3.0-Beteiligten, dass die Tech-Giganten im Forum nicht wirklich für ein dezentrales Metaversum stehen. Schließlich profitieren diese von den Daten, die sie im Metaverse von ihren Usern erhalten und davon, wenn diese sich überwiegend in genau den Metaversen aufhalten, die sie für sie geschaffen haben.  

Es wird also noch Zeit brauchen, bis wir eine neue Welt haben, in der wir uns sicher bewegen und von der wir alle profitieren können. Zum Experimentieren und Neues Ausprobieren, Werben und Spielen ist sie aber jetzt schon wie geschaffen.

Die Möbelbranche macht darin bereits erste Schritte – kleine, aber feine für die Menschheit wie zum Beispiel in Form des Blütenblatt-besetzten Designer-Sessels, der aus dem Metaversum auf die Mailänder Möbelmesse kam.  

Wie die Möbelbranche und welche Unternehmen von dem Metaversum jetzt und in Zukunft profitieren können, wird Thema eines weiteren Artikels zum Thema Metaverse sein. In einem dritten werden wir mit Experten sprechen, von denen der eine der neuen Technologie eher skeptisch, der andere begeistert gegenübersteht.

Autorin: Christine Sommer-Guist

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