30. Okt 2020

Vergangenheit und Zukunft: Kleine Büro-Zeitreise

Die Corona-Krise hat unsere Arbeitswelt innerhalb kürzester Zeit verändert, doch schon bereits vor der Pandemie war die Bürogestaltung einem stetigen Wandel unterzogen. Albert Denz, Inhaber von Denz Design GmbH und www.officebase.info, nimmt uns im Interview mit auf seine ganz persönliche Zeitreise – von den 60er Jahren bis in die Zukunft.

Herr Denz, nehmen Sie uns mit Ihrer langjährigen Erfahrung doch einmal mit auf eine kurze Zeitreise. Der Markt für Büromöbel stand ja schon immer vor der Aufgabe, die aktuellen Trends der Arbeitsgestaltung zu bedienen und weiterzuentwickeln. Wenn vor 50 Jahren jemand ein Büro einrichten wollte, was war wichtig? 

Bevor wir unsere Zeitreise starten, lässt sich ganz klar sagen, dass Design damals einen nicht so hohen Stellenwert hatte wie heute. Im Fokus standen Qualität, Preis, persönliche Beratung und auch teilweise Ergonomie. Die wirklich professionelle Bürogestaltung steckte damals noch in den Kinderschuhen

1968 beim Start meines Unternehmens waren Hersteller und Fachhändler von Büroeinrichtungen vor allem auf den Verkauf von Produkten konzentriert. Und genauso sahen auch die Ausstellungen aus: Schreibtische und Stühle reihten sich aneinander. Gar nicht so einfach, sich anhand dieser nüchternen Präsentationen das zukünftige Büro vorzustellen.

Eine kleine Ausnahme war damals schon USM Haller, die 1967 auf den Dächern der Hannover-Messe mit ihrem bis heute bekannten modularen Schranksystem als das Messe-Highlight alle Blicke auf sich zogen.  Diesen Ansatz fand ich schon als 23-Jähriger in meiner Zeit als Vertreter von Firmen wie WEKO und Hund Büromöbel in der Schweiz spannend und versuchte bereits dort, lebendige Arbeitswelten zu simulieren.   

Überrascht hat dann in den 1970er Jahren, der ersten Ära des Computers am Arbeitsplatz, auch Voko mit einem revolutionären Konzept: Zum einen ein modulares Baukastensystem nach klassischer Einheitsbauweise.

Das Besondere aber war das verkettete Arbeitsplatzsystem Voko-MEP, das Schreibmaschinen- und Computertisch miteinander verband. Damals eine Revolution. Der einzige Nachteil: Diese Idee brauchte viel Stellfläche – zu einer Zeit, als die Ergonomie-Kurse bereits über die ideale Platzierung von Bildschirmen und Mobiliar informierten. 

Nichtsdestotrotz war Voko mit seinem revolutionären Konzept auch unser Vorbild in Sachen Büroplanung, zumal wir nicht die einzige Firma waren, die sich mit modernen Bürokonzepten und Schallabsorbierung in Großräumen befassten.

Und vor 25 Jahren, wir befinden uns jetzt in der Mitte der 1990er Jahre des letzten Jahrhunderts, worauf wurde bei der Einrichtung von Arbeitsplätzen Wert gelegt, was waren die Herausforderungen? Inzwischen wurden ja schon die ersten E-Mails geschrieben …

Mitte der 1990er Jahre sah die Bürowelt bereits ganz anders aus. Damals hat die Firma TJCA – Laurent Willimann und Richard Hari aus Genf in Zusammenarbeit für DEC Digital Equipment Corporation (heute HP) ein neues Büro-Konzept entwickelt, das sich heute Open-Space oder New Work nennt.

Mit Desk-Sharing erhielt nicht mehr jeder Mitarbeiter einen eigenen Arbeitsplatz. Die Pausenräume waren damals schon mit einer Bar samt Anschlüssen für den Laptop und Erholungszonen überraschend modern.  

Zu jener Zeit konnten wir von der Denz AG, die ich 2002 an Lista-Office verkaufte, den Auftrag von DEC gewinnen und dessen Büros mit dem D3 System, welches den Anforderungen zusätzlich angepasst wurde, einrichten. Dieses Konzept, das vor allem für Großkonzerne Zukunft hatte, fand auch bei unserem Konkurrenten Vitra Anklang. 

Spätestens mit Sevil Peach entwickelte Vitra ein stark designorientiertes Konzept, welches das Unternehmen zusammen mit den Sitzprogrammen in den eigenen Konzernbüros in Weil realisierten. Ebenfalls wurden damit die ersten Open-Space Räume bei Novartis eingerichtet. 

Und genau diese Idee der 1990er Jahre wird bis heute stetig weiterentwickelt und verfeinert. Hierzu gehört auch, dass die damals verketteten Arbeitsplätze durch Einzeltische ersetzt wurden. Einerseits, weil heute fast nur noch mit dem Computer gearbeitet wird und andererseits, weil der Platzbedarf für die einzelnen Arbeitsplätze eingespart wird. Aber ebenso weil die Nachfrage nach Allgemeinflächen für Konzentrationszonen und Ruheräume grösser wurde. 

Flexible Arbeitsmodelle wie Desk-Sharing und Home-Working sowie die Digitalisierungsprozesse haben in den letzten Jahren im Bürobereich auch Büroschränke aus dem modernen Büro verdrängt. Das bedeutet für Büromöbelhersteller: Zwar sind die Umsätze pro Arbeitsplatz gesunken, innovative Büroeinrichter nutzten jedoch die Möglichkeit, diese Einbußen mit den erweiterten Zonen wieder wettzumachen. 

Inzwischen findet Zeitrechnung ja oft in Begriffen wie „vor“ und „nach“ beziehungsweise „während Corona“ statt. Welche Office-Trends haben Sie zu Beginn des Jahres, also vor Corona, ausgemacht?

Bereits in den letzten Jahren hat sich die Anzahl der permanenten Arbeitsplätze in vielen größeren Betrieben verringert. Gleichzeitig traten Coworking-Arbeitsplätze verstärkt auf die Bildfläche – und damit auch die Frage, ob diese flexiblen Arbeitsplätze nicht einem teureren permanenten Büro vorzuziehen wären. Viele Start-ups haben diese Frage bereits mit einem Ja beantwortet und profitieren von der vorhandenen Infrastruktur ebenso wie von dem lebendigen Ideenaustausch. 

Haben sich diese durch die Pandemie verändert oder eher noch verstärkt?

Wenn uns Corona eines gelehrt hat dann, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist. Einerseits wird das Home-Office ein Thema bleiben, vieleFirmen denken aber auch langfristig darüber nach, ob Home-Working nicht ein Modell der Zukunft ist. 

Schon vor der Pandemie  wurde viel über „Smart-Working“ oder „Work Smart“ gesprochen. Das werden auch weiterhin Branchenthemen bleiben. Denn dieses Arbeitsmodell nutzt neue Technologien und Arbeitsmodelle, die sowohl die Leistung als auch die Zufriedenheit im Job fördern und ganz nebenbei auch noch die CO2-Bilanz verbessern.  

Kaum ein Bereich dürfte derzeit so im Umbruch sein, wie die Arbeitswelt. Innerhalb weniger Tage mussten Unternehmen durch Lockdowns neue Prozesse aktivieren und neue Arbeitsplätze in Betrieb nehmen. Welche Themen treiben, die auf officebase.info präsentierten Büromöbelhersteller an?

Vor allem haben fast alle Hersteller, Fachhändler und Planer sicher mit einem kurzfristig rückgängigen Markt zu kämpfen. Ob sie nun günstige oder teure Produkte verkaufen, alle müssen sich auf den Rückgang von Jobs in sehr vielen Branchen einstellen, also ihre Budgets reduzieren. Dies bleibt sicher nicht aus. Ebenfalls müssen Abläufe und Vertriebskonzepte neu überdacht werden und neue Märkte erschlossen werden, die von der Corona-Zeit profitiert haben. Dies wird aber die Verluste nicht kurzfristig ausgleichen.

Welche Chancen sehen Sie in der Veränderung?

Nicht nur bei Amazon und anderen Online-Fachhändlern ist zu erkennen, dass vor allem kleinere Firmen sich online eindecken. Allerdings braucht es immer noch den Berater und den Planer für mittlere und größere Objekte. Wir sehen aber, dass zum Beispielauf unserer Plattform officebase.info, welche sich auf Büroeinrichtungen konzentriert hat, die Anfragen steigen, weil sich einfach mehr Personen zuerst online informieren, bevor sie den Kontakt zum Fachhandel oder Hersteller suchen. 

Büromöbel-Firmen sollten ihre Investitionen einerseits in Planungskompetenz, aber auch in Online-Marketing und den Auftritt ihrer eigenen Plattform lenken. Denn die Welt hat während dieser schwierigen Zeit eine rasante Veränderung vorgenommen, die sonst schrittweise geschehen wäre - undnd zu den großen Gewinnern der Krise gehören jetzt schon Onlineformate.

Beenden wir unsere Zeitreise in der Zukunft: 2025. Sagen wir, COVID-19 ist durch Medikamente und Impfstoffe unter Kontrolle. Was meinen Sie, wie sieht der Markt für Büromöbel und Arbeitsplatzausstattung aus?

Normalerweise konzentriere ich mich lieber auf das Hier und Jetzt. Man hat ja gesehen, wie man während Corona auch mit seinen Plänen falsch liegen konnte. Neben ganz praktischen Überlegungen, die zu zukunftsfähigen Arbeitsumgebungen beitragen, muss sich die Branche eine allgemeingültige Frage stellen: Kann grenzenloses Wachstum das Ziel sein? 

Wichtig ist auch der Dialog mit allen Gliedern der Branche und ein offenes Ohr in alle Richtungen, um die Bedürfnisse seiner Kunden und Partner besser und frühzeitig zu erkennen.     

Und vor allem sollte man nicht denken, dass man mit günstigen Krediten seine Firma ohne Risiko in den Himmel wachsen lassen kann, sondern sich eher auf eine solide finanzielle Basis stellen muss, die auch weitere Krisen überstehen kann. Und nicht zuletzt ist man ein solches Verantwortungsbewusstsein auch seinen Mitarbeitern schuldig, damit hier neue Grundsteine für die Zukunft gelegt werden können.

© Albert DenzAlbert Denz, Inhaber Denz Design GmbH und www.officebase.info. Zwischen 1968 und 2002 Inhaber des Büromöbelherstellers Denz AG und ab 2004 bis 2019 Präsident des Schweizerischen Büroeinrichtungsverbandes bueroszene.ch.

Ansprechpartner
Porträt von Albert Denz
Albert Denz standard.toggle-bookmark Geschäftsführung
www.officebase.info - Denz Design GmbH
Schreiben Sie den ersten Kommentar
Weitere Artikel
Alle zeigen