06. Jun 2019

Bezahlsysteme: Mobiles Payment hebt ab

Das Bezahlen mit Smartphone und Smartwatch kommt nun auch in Europa auf Touren. Behörden, Banken und Händler haben aber noch Vorbehalte – und die Ansprüche der Kunden machen es ihnen nicht leichter.

Rund vier Jahre, nachdem Apple Pay in den USA groß gestartet ist, geht es auch in Europa mit neuen Bezahlsystemen Schlag auf Schlag. Beinahe im Wochenrhythmus gibt es neue Meldungen über die konkrete Umsetzung im Online-Handel oder neue Testläufe und das hat Auswirkungen auf die Möbelbranche:

  • Die Drogeriekette Müller testet derzeit Amazon Pay in ihren Filialen, unter anderem in München. Eigentlich wird die Payment-Variante des Online-Händlers vorwiegend für Internet-Einkäufe verwendet, unter anderem bei Web-Apotheken. Amazon Pay wäre auch für Möbelhäuser als weitere Variante eine Überlegung wert.
     
  • Die mögliche Vorherrschaft der US-Riesen Apple, Amazon und Google bei den Bezahldiensten wird in Europa mit gemischten Gefühlen gesehen. Abhilfe sollen eigene Lösungen schaffen, beispielsweise Bluecode des gleichnamigen Unternehmens. Dabei kann mit Android- und Apple-Smartphones über eine App bezahlt werden, wobei keine Daten am Handy gespeichert oder übertragen werden. Solche Lösungen kommen den Wünschen der EZB entgegen, die eine Abhängigkeit Europas von US-Anbietern fürchtet. In Deutschland kooperieren einige Institute der Sparkassen-Gruppe mit Bluecode.
     
  • Die Plattform Ebay hat angekündigt, Google Pay und Apple Pay auch bei deutschen Kunden als weitere Bezahlvariante neben Kreditkarte und Lastschrift zu akzeptieren.
     
  • Das schwedische Unternehmen Klarna kann bereits einige deutsche Möbelhändler für seine E-Commerce-Bezahldienste begeistern – unter anderem den Diskonter Roller und Wayfair. Bei Klarna können Konsumenten die Online-Einkäufe auf verschiedene Art und Weise bezahlen, etwa mit Rechnung oder via Kreditkarte.

    In Europa auf dem Vormarsch: Google Pay.
  • Das Dänische Bettenlager stellt seine Filialen auf elektronische Preisschilder um und lässt sich das mehr als 50 Millionen Euro kosten. Das hat auf den ersten Blick nichts mit Payment zu tun, passt aber zu der geforderten ganzheitlichen Lösung, die unter anderem rasches Reagieren bei Preisen und Rabattaktionen möglich macht – das wird für den Möbelhandel immer wichtiger und ermöglicht auch sofortigen Abgleich der Preise im Geschäft und im Online-Shop.
     
  • In Österreich ist mit reichlicher Verspätung Apple Pay verfügbar: Die Erste Bank und N26 erlauben seit kurzem ihren Kunden diese Variante. Bezahlt wird mittels iPhone oder Apple Watch. Österreich ist damit das insgesamt zehnte europäische Land, in dem Apple Pay funktioniert.

Während in Ländern wie den USA, aber auch in Großbritannien das Bezahlen mit Smartphone und Smartwatch sowie die Integration diverser Finanz-Apps und neuer Bezahldienste längst angelaufen ist, tat sich in Europa – auch in Deutschland – bisher vergleichsweise wenig.

Das liegt am Ökosystem der Banken, die neue Anbieter ungerne in diesen Markt vorstoßen lassen wollen, an den strengeren Auflagen der Regulierungs- und Kontrollbehörden sowie an der größeren Skepsis der Konsumenten gegenüber Bezahlmöglichkeiten abseits von Bargeld, Bankkarte und Kreditkarte. Auch das kontaktlose Bezahlen mit Karte mittels NFC-Technologie hatte anfangs mit einigen Widerständen zu kämpfen.

Doch die Richtung ist längst vorgegeben, denn Warteschlangen an den Kassen kosten dem Möbelhandel und anderen Branchen viel Umsatz. Bezahlen mit Smartphone, mobile Zahlungsterminals oder sogenannte Mobile Point of Sales können das verhindern. Auch der Self-Checkout kommt ins Rollen: In einem Supermarkt der Rewe-Kette in Köln können Kunden bereits während des Einkaufens die Barcodes scannen und ersparen sich dann das Auflegen der Waren an der Kasse.

Bis Jahresende soll es an die tausend Geschäfte in Deutschland geben, die das anbieten. In der Möbelbranche wendet ja beispielsweise Ikea diese Methode an, das Ausräume der Produkte bleibt den Kunden bisher aber nicht erspart – und die große Begeisterung ist ausgeblieben.

Von Bedeutung für Möbelhändler, die einen eigenen Online-Kanal besitzen oder ihre Waren ausschließlich via Internet anbieten: Der Kauf auf Rechnung ist in deutschen Haushalten noch immer die beliebteste Bezahlmethode. Rund 28 Prozent der Käufe im E-Commerce wurden im Vorjahr auf diese Weise abgewickelt; an zweiter Stelle folgt PayPal.

Interesse an Mobile Payment

Insgesamt wächst aber das Interesse am Mobile Payment, also am Bezahlen mittels App und Smartphone. Bereits ein Viertel der Deutschen würde gerne im Geschäft auf diese Weise zahlen. Im Gegenzug wollen aber 89 Prozent nicht auf die traditionelle Kasse verzichten, wie eine Studie des Marktforschers YouGov ergeben hat. Interessant für die Möbelbranche: 26 Prozent können sich Mobile Payment in Möbelgeschäften vorstellen, der Wert liegt damit nicht weit weg von Supermärkten (35 Prozent) und Elektronikmärkten (30 Prozent).

Die Unterschiede zwischen einzelnen Branchen sind generell nicht groß; branchenspezifische Lösungen dürften nach dem heutigen Stand der Dinge daher gar nicht nötig sein. Wichtiger sind sichere, einfache Payment-Angebote, die einen echten Mehrwert bieten. Dabei scheinen für Händler Integration und Verknüpfung verschiedener digitaler Lösungen besonders wichtig zu sein: Personalisierte Angebote, Preisaktionen, Informationen über die Verfügbarkeit der Artikel und eben das Bezahlen müssen zu einem Gesamterlebnis kombiniert werden.

Hier sind ausgerechnet die US-Anbieter ein Vorbild: So können Konzertkarten und aktuelle Preisangebote aus Googles Mail-Dienst Gmail in Kürze direkt in Google Pay übertragen werden. Das erspart das mühsame Hin- und Herschieben von Daten – Stichwort Gesamterlebnis.  

Wie dynamisch sich der Payment-Markt im E-Commerce entwickelt, zeigt das Beispiel des Onlinehändlers Otto: Dieser bietet für den Kauf von Einrichtungsgegenständen und anderen Waren seit Anfang des Jahres Instant Payments an – dabei kann der Zahlungseingang via Überweisung in einigen Sekunden verifiziert werden. Das Problem: Noch bieten nicht alle Banken diese Expressüberweisung an.

Unterschiede zwischen den Käufern

Eine der größten Aufgaben für die Anbieter von Payment-Systemen und den Handel inklusive Möbel- und Einrichtungshandel sind die unterschiedlichen Ansprüche verschiedener Zielgruppen – und zwar keineswegs nur zwischen den Generationen. So wurden in einer Studie des Zahlungsanbieters Adyen zwei Kategorien potenzieller Käufer ermittelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite der Trendsetter, der neue Technologien ganz selbstverständlich einsetzt und vom Handel entsprechende Lösungen erwartet.

Für diese Zielgruppe spielen einheitliche Systeme vom Online-Shop bis in die Filiale eine Rolle. Am anderen Ende des Spektrums wurden die Ablehner neuer Bezahltechnologien verortet, die etwa Sicherheitsbedenken gegenüber Mobile Payment haben. Wer die Kunst beherrscht, sowohl für Enthusiasten als auch für Skeptiker das passende Payment parat zu haben, ist im Vorteil.

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