24. Jun 2019

Spannend: Leben in mobilen Räumen

Unter dem Schlagwort Mobile Spaces werden neue Konzepte für die wohnliche Einrichtung von Transportmitteln wie Autos entworfen. Für die Möbelindustrie ergeben sich dabei neue Chancen.

Vorder- und Rücksitze, Lenkrad, Pedale, Armaturen – das Auto von heute ist kein Ort, an dem man es sich bequem machen würde, ginge es nicht um das Vorwärtskommen. Doch das wird sich ändern: In naher Zukunft werden Transportmittel dank Automatisierung und Digitalisierung mobile Lebensräume; aus Passagieren werden Bewohner.

Auf der Interzum Anfang Mai wurden auf der Piazza „Mobile Spaces“ bereits die neuesten Trends in diesem Bereich vorgestellt. Dabei zeigte sich, dass die hohen Anforderungen an mobile Räume von der Möbel- und Textilindustrie bereits aufgegriffen wurden. So gibt es neue Materialien, die sich in punkto Belastbarkeit und flexibler Gestaltungsmöglichkeiten adaptieren lassen.

Schrankbetten für Schiffe

Konzepte, die sich bereits in der Vergangenheit bewährt haben, werden nun von der Möbelindustrie in anderem Zusammenhang verwendet. Bestes Beispiel dafür ist das Schrankbett, das nicht nur in kleineren Wohneinheiten im urbanen Umfeld wieder wichtiger wird, sondern auch in den Mobile Spaces: Hersteller Nehl stattet mit seinen Verwandlungsmöbeln unter anderem Hotels und auch Schiffe aus.

So können etwa auf Kreuzfahrtschiffen Kabinen platzsparende eingerichtet werden. Ebenfalls auf der Interzum haben einige Möbelhersteller neue Objekte für den Schiffsbau vorgestellt, bei denen Multifunktionalität, Belastbarkeit und Komfort im Mittelpunkt stehen. Auch die GH Hotel Interior Group, die auf die Ausstattung von Hotels und Schiffskabinen spezialisiert ist, hat entsprechende Einrichtungsmöbel parat.

Wenig Platz, aber viel Raum zur Entfaltung von Designideen bieten auch Flugzeuge und Züge. So wurde der Glacier Express, der St. Moritz und Zermatt verbindet, mit neuen Panoramawagen ausgestattet, die luxuriöses Design bieten. Federführend war dabei die Schweizer Designagentur Nose von Christian Harbeke.

Inzwischen sind auch die Autohersteller aufmerksam geworden, dass sie mit ihren üblichen Konzepten für die Gestaltung des Innenraums nicht weit kommen werden. Die Grundidee: Das Auto wird zum Mittelding zwischen Fahrzeug und Wohnraum. Volvo beispielsweise hat vor kurzem ein Konzept für ein selbstfahrendes Elektroauto vorgestellt, das nicht nur der Fortbewegung dienen soll, sondern zugleich als mobiles Büro, Schlafzimmer und Wohnraum.

Die sonst unproduktive Zeit, um von A nach B zu kommen, soll somit sinnvoll genutzt werden. Das sogenannte 360c-Konzept sieht Sitze, einen Tisch und Stauräume im Auto vor.

Wohnlichkeit und Nutzen verschmelzen

Das ist auch schon das Kernthema der Mobile Spaces: Auf kleinem Raum sollen Wohnlichkeit, Behaglichkeit, Nutzen und Ästhetik verschmelzen. Sind Transportmittel wie Flugzeuge, Boote und vor allem Autos heute vor allem dazu da, uns rasch ans Ziel zu bringen, soll in Zukunft diese Zeit klug genutzt werden. Auch Audi sieht das Automobil der Zukunft als „dritten Lebensraum“ neben Wohnstätte und Arbeitsplatz.

Beim Konzept „AI:ME“ wird der Platz, der durch Verwendung eines Elektromotors frei wurde, für die Einrichtung eines behaglichen Wohnraums inklusive lebenden Pflanzen verwendet. Aus dem Lenkrad wird ein kleiner Tisch, sobald das Auto autonom fährt.   

Wettkampf um den mobilen Raum

Wer beherrscht den beweglichen Raum? In Zukunft werden wohl Symbiosen zwischen den unterschiedlichen Anbietern – von klassischen Möbelherstellern über Spezialisten bis zu den Autoproduzenten – entstehen, um das Maximum bei Komfort und Sicherheit zu erzielen. So kann sich auch Ikea für selbstfahrende Autos begeistern und hat unter dem Schlagwort „Space10“ eigene Konzeptlösungen für die zukünftige Umgestaltung der automobilen Innenräume entwickelt.

Diese sind noch etwas grob und sehr futuristisch gehalten, so gibt es Ideen für ein „Hotel-Auto“ oder ein „Shopping-Auto“. Die Richtung ist aber klar: Wenn es um das Wohnen während der Fortbewegung geht, sind ganz neue Ansätze gefragt – bei gleichzeitiger Verwendung bewährter Konzepte aus anderen Einrichtungsbereichen.

So hat die auf Rollformen spezialisierte Schock Metall, die unter anderem Auszugssysteme für Schränke herstellt, auch Automobil-Interieur im Portfolio, zum Beispiel höhenverstellbare Tische und Handschuhfach-Schubladen. Das zeigt: Was beim Wohnen gebräuchlich ist, wird in Zukunft auch bei der Fortbewegung immer wichtiger.

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