Neue Technologie

Nyris: Einrichtung online visuell suchen

Wer kennt das nicht? Man sieht in einem Restaurant, einem Hotel oder einem Ferienhaus einen Stuhl, den man unbedingt für sein Zuhause haben möchte – Hersteller unbekannt. Ein neues Tool verspricht jetzt Abhilfe. 

27. Jul 2021

Wie soll man herausfinden, um welches Produkt es sich handelt und wo man das Möbelstück kaufen kann? Die Antwort gibt uns Dr. Anna Lukasson-Herzig, Gründerin und CEO vom Berliner Start-up Nyris, das eine Online-Suchmaschine entwickelt, die auf Fotos abgebildete Objekte erkennt und somit Bilder durchsuchbar macht. 

Frau Lukasson-Herzig, wie funktioniert Nyris genau? 

Der visuelle Suchprozess von Nyris besteht aus vielen, sehr komplexen Schritten. Daran ist maßgeblich KI beteiligt. Zuerst muss ein visueller Datenbankindex erstellt werden. Innerhalb weniger Stunden können wir Datenbanken von mehreren Millionen Bildern indexieren. Unsere Software sucht dafür in jedem Bild nach relevanten Objekten, erfasst die visuellen Elemente dieser Objekte und extrahiert die von der KI erzeugten Metadaten. Diese werden schließlich in einer Datenbank gespeichert. 

Erfolgt nun eine visuelle Suchanfrage, so werden genauso wie eben beschrieben, die Metadaten aus dem Bild extrahiert und die KI gleicht die Inhalte mit der bestehenden Datenbank ab. Die Software kann bis zu 100 Bilder pro Sekunde mit einer Übereinstimmungsgenauigkeit von bis zu 95 Prozent verarbeiten. Verglichen mit einer Standard Suchmaschine ist unser Service jedoch nicht öffentlich, sondern für einen vom Unternehmen festgelegten Nutzerkreis, wie zum Beispiel seine Kunden und Mitarbeiter, verfügbar. 

Was sind die Vorteile einer Bildersuchmaschine im Vergleich zu einer textbasierten Suche via Google, Bing oder Ecosia? 

Zunächst gibt es viele spezifische Informationen, wie zum Beispiel die Einbauanleitung eines bestimmten Ersatzteils, welches nicht via Google, Bing oder Ecosia suchbar ist, da es keine öffentliche Information ist. Wir sind eher mit Anbietern wie Algolia vergleichbar, welche textbasierte Suche für das Intranet oder andere nicht öffentliche Datenbanken anbieten. Rein textbasierte Suche reicht heute jedoch nicht mehr aus. 

Mehr als drei Milliarden Bilder werden täglich ausgetauscht, 85 Prozent der Internetdaten sind rein visuell gespeichert. Missverständnisse zwischen diesen zwei Welten sind quasi vorprogrammiert und produzieren täglich millionenfach falsche Suchergebnisse. Das kann nicht nur nerven, sondern im schlimmsten Fall zu falschen Bestellungen und Falschlieferungen führen. Jedes Jahr dürfte das die Wirtschaft mehrere Milliarden Euro kosten.   

Welchen Benefit bringt die Bildersuchmaschine für Einzelhändler und Möbelhersteller? 

Mit unserer Technologie können Möbelhersteller, aber auch Produzenten anderer Branchen, ihre Prozesse in der Produktion und im Lager effizienter gestalten. Hierzu gehören zum Beispiel die Qualitätskontrolle, das Bestandsmanagement und auch die Logistik. Händler versetzen wir mit der Software in die Lage das Kundenerlebnis nachhaltig zu steigern. Beispielsweise können Kunden mit einem Foto auf ihrem Smartphone in Sekundenschnelle prüfen, ob der Händler das gewünschte Möbel – oder zumindest ein ähnliches – führt. 

Ikea setzt die Technologie von Nyris bereits bei der Ikea Place App ein. Welche Funktionen übernimmt hier die Software? 

Mit der App können Nutzer mittels Augmented Reality über die Kamera ihres Smartphones Möbelstücke von Ikea in ihr Zimmer projizieren. Auf diese Weise können sie noch vor dem Kauf sehen, wie das Möbel in ihrer Wohnung oder ihrem Haus wirken würde. Nutzer können Kunden mit der gleichen App auch herausfinden, ob das Möbel von Ikea ist oder Ikea ein ähnliches Produkt im Angebot hat.  

Laut einer Prognose von Zion Market Research soll der Markt für visuelle Suche bis 2027 einen Umsatz von rund 28,5 Millionen US-Dollar betragen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein? 

Wir sind überzeugt, dass die Art wie Daten gelesen, verstanden und gespeichert werden, sich innerhalb kürzester Zeit massiv verändern wird. Der Nutzen ist für Anbieter und Suchende immens und der Bedarf entsprechend groß. Dies können wir anhand des stetig wachsenden Interesses von Seiten Herstellern und Händlern an unserer Softwarelösung jetzt schon ablesen. Es macht uns ein wenig Stolz, einer der Pioniere dieser doch revolutionären Entwicklung zu sein. 

Lesen Sie im Magazine by imm cologne wie die visuelle Suche den Handel verändern kann

Anna Lukasson-Herzig studierte Umformtechnik an der RWTH Aachen und promovierte im Bereich Prozessautomatisierung. Anschließend war sie mehr als neun Jahre bei der Boston Consulting Group für Industriekunden aus aller Welt in vorwiegend strategischen Fragen tätig. Sie verließ BCG im Jahr 2014 und widmete sich der Konzeption von Nyris. Gemeinsam mit ihrem Bruder Markus Lukasson, gründete sie Nyris im August 2015. Als CEO kümmert sie sich insbesondere um die Bereiche Sales, Finance, HR und Admin. Anna ist zweifache Mutter und engagiert sich für die Themen "humancentric AI" und "women in tech“.

Autorin: Bernadette Trepte

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