Logistik-Konzept Physical Internet

Logistik nachhaltig gestalten 

Das Logistik-Konzept Physical Internet – Warentransport nach Vorbild des Internets – soll die Lieferung von Waren klimafreundlicher und kostengünstiger machen. Das ist auch für die Möbelbranche ein interessanter Ansatz. Wir stellen Forschungsprojekte vor.

06. Jul 2020

Das neue Sofa sollte in ungefähr drei Wochen ankommen, alle paar Tage kann der Status der Sendung überprüft werden: Gestern war das gute Stück in einem Lager in Rotterdam, morgen sollte es die Grenze zu Deutschland passieren –  und irgendwann wird es hoffentlich eintreffen.

Die Empfänger wissen, wer die Sendung wie und wann transportiert. Dabei wäre es den Konsumenten im Prinzip herzlich egal, auf welche Weise die Logistik organisiert ist: Hauptsache, die bestellte Ware trifft rasch ein und der Transport kostet nicht zu viel.

Genau nach diesem Prinzip funktioniert ja die Übermittlung von Daten im Internet: Wir wissen nicht, welche Server oder welche Provider sich um die Datenweiterleitung kümmern – das Wichtigste ist doch, dass die Sendung rasch und kostengünstig eintrifft. Eine E-Mail oder andere Daten finden selbst den Weg zum Empfänger.  

Ein Forschungsprojekt will nun die Logistik nach diesem Vorbild des Datenverkehrs neu organisieren: Das Zauberwort dafür lautet Physical Internet. Die Idee ist prinzipiell nicht neu, doch nun scheint die Zeit dafür reif zu sein. Im Prinzip geht es darum, dass Waren den besten Weg vom Sender zum Empfänger finden –  und zwar unter Ausnützung verschiedener Transportmöglichkeiten von Lkw über Bahn bis zu Elektro-Bikes.      

Dabei gelten nicht nur Kosten und Geschwindigkeit als entscheidende Faktoren, sondern vor allem möglichst geringe Emissionen. Die Transportgüter, zum Beispiel ein Schrank oder ein Kissen, suchen sich automatisch die passenden Wege und Verkehrsmittel; Automatisierung ist ein Grundstein des Konzepts. Die technologischen Grundlagen dafür sind längst vorhanden, etwa RFID (Radio Frequency Identification) oder Big-Data-Analyse.  

"Es geht darum, Logistiksysteme in Zukunft völlig offen zu gestalten", erklärt Sandra Stein, Projektleiterin für „PhysICAL“ beim Fraunhofer Institut in Wien. In Österreich wird derzeit in vier großen Einzelprojekten die Tauglichkeit von Phyisical Internet getestet. Eines davon ist eine offen gestaltete Plattform, die für Versender frei zugänglich ist und unter den vorher erwähnten Gesichtspunkten die jeweils beste Transportmöglichkeit finden soll; es handelt sich um eine Variante von Uber für die Logistik.  

Für Start-ups und kleinere Unternehmen im Möbelhandel könnte ein weiteres Pilotprojekt interessant sein: Dabei wird eine Art Supply-Chain 3.0 entwickelt, über die den Unternehmen von der Lagerung über den Versand bis zur Abwicklung von Retouren die schwierige Arbeit der Vertriebsketten abgenommen werden soll.

„Wir kümmern uns um alles, was ab Rampe passiert“, sagt Sandra Stein. In den Testlauf sind unter anderem auch Logistikfirmen eingebunden. Generell soll den Akteuren mit den Pilotprojekten von Fraunhofer die Scheu vor dem neuen Konzept genommen werden.  

Der Lkw-Verkehr in Europa soll durch neue Logistikkonzepte deutlich eingedämmt werden. © Pixabay

EU forciert die Idee 

Ein weiteres Pilotprojekt ist die Zustellung von Paketen im innerstädtischen Bereich unter Ausnutzung intelligenter Abholboxen – die Konsumenten sollen sich dort die Waren abholen statt daheim auf die Zustellung zu warten. Das wäre für den Versand kleinerer Waren wie Accessoires interessant.

Von den einzelnen Testläufen abgesehen, ist aber in weiterer Folge die grenzüberschreitende Umsetzung der Idee wichtig – nur in einzelnen Ländern bringt es wenig. Doch die EU-Kommission treibt entsprechende Projekte in ganz Europa voran, spätestens 2050 soll die Idee von einer klimafreundlichen, günstigen Logistik nach dem Vorbild des Datenverkehrs in der Realität funktionieren. Fraunhofer-Expertin Sandra Stein hält sogar 2040 für machbar.   

Die Möbelbranche ist prinzipiell ebenso wie jeder andere Sektor betroffen, in dem Online-Handel und Warenversand steigende Bedeutung haben. Vereinfachte, automatisierte Abläufe schaffen das Potenzial für Kostensenkung und mehr Rücksicht auf das Klima. Zwar wird man speziell beim Transport von Möbeln zum Endkunden nicht ganz auf den Lkw verzichten können, doch die Emissionen insgesamt könnten durch das neue Konzept sinken –  was wiederum die Akzeptanz von E-Commerce erhöht.  

Durch Physical Internet werden die Weichen in Richtung klimafreundliche Logistik gestellt. © Pixabay

Ökonomie und Ökologie unter einem Hut 

Sandra Stein ist jedenfalls sicher, dass das Physical Internet in den kommenden Jahren in die Praxis umgesetzt wird. „Denn es ist unsere einzige Chance, den stark steigenden Güterverkehr nachhaltig zu gestalten.“

Ökonomie und Ökologie lassen sich nämlich auf diese Weise bestens verbinden. Der intermodale Verkehr – also die Nutzung verschiedener Verkehrsträger –  sei in 90 Prozent der Fälle nicht nur klimafreundlicher, sondern auch günstiger als beispielsweise der reine Direktverkehr mit Lkw. „Es wird funktionieren, wenn alle mitmachen“, sagt Stein. 

Autor: Robert Prazak

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