07. Dez 2020

Premiere des Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design

Designpreise gibt es viele, mit neuem Fokus feierte der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design Premiere. In Zeiten von Corona fand die Preisverleihung per Livestream statt. Wir stellen fünf Sieger aus der Einrichtungsbranche mit ihren nachhaltigen Ideen vor.

Die Relevanz von Design und Nachhaltigkeit ist unumstritten. Doch wie lassen sie sich vereinen? Welche Beispiele für gelungene Transformation gibt es? Wo eröffnen sich neue Felder? Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design, erstmals 2020 veranstaltet, zeichnet Produkte und Ideen aus. Er will Designern und Herstellern als Ansporn dienen, Konsumenten als Empfehlung für nachhaltigen Konsum. Anfang Dezember fand die Preisverleihung des „Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design“ statt. 

Der neue Designpreis orientiert sich an den Zielen der von der UN formulierten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. In mehrstufigem Verfahren bewertete zunächst ein Assessmentteam die Nachhaltigkeit der Einsendungen. Eine 43-köpfige Jury aus Design- und Nachhaltigkeitsexpertinnen und -experten bestimmte anschließend die 104 Finalisten und daraus schließlich 37 Preisträger. 

Die Preisverleihung fand im Hybrid-Format statt: Ausgewählte Jurymitglieder zeichneten auf der Bühne in Düsseldorf Ikonen, aktuelle Vorreiter sowie Zukunftsvisionen aus. Alle Finalisten wurden per Video kurz vorgestellt, Siegerinnen und Sieger kamen live im Videochat zu Wort – all dies wurde per Livestream übertragen.

Zu den Siegern gehören Start-ups ebenso wie international agierende Konzerne. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Branchen, von Möbeln, Fahrzeugen und Kleidung bis zu Verpackungen und Kreislaufsystemen. Designer Dieter Rams erhielt einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Wir zeigen Ihnen fünf Preisträger aus der Einrichtungsbranche mit ihren nachhaltigen Ideen.

Ayno Leuchte von Midgard (Design: Stefan Diez)

Die innovative Ayno Leuchte war eines der Highlights auf der imm cologne 2020 und wurde als Vorreiter ausgezeichnet. Ihr zentrales Element ist ein flexibler, durch das Stromkabel gespannter Fiberglasstab, der ein Verstellen des Lichts ohne Gelenke möglich macht. Die Leuchte mit leichtem, verstellbaren LED-Kopf wird in Teilen in einem platzsparenden Karton geliefert und ohne Werkzeuge montiert. 

Durch die Verwendung von Halbzeugen werden Transportwege vermieden – der Hamburger Hersteller Midgard ordert die einzelnen Komponenten weltweit auf lokalen Märkten, statt vollständige Leuchten rund um den Globus zu schicken, auf dem internationalen Leuchtenmarkt ein Novum. 

Aus nur drei Primärwerkstoffen wird Ayno hergestellt. Diese lassen sich weitestgehend recyceln oder sind bereits recycelt: Stahl, Fiberglas und ABS/PC. Zudem ist die Ayno eine der ersten LED-Leuchten, die der Anwender selbst werkzeugfrei reparieren und so ihre Lebensdauer verlängern kann. Die Leuchtenfamilie besteht aus einer Tischleuchte und zwei Stehleuchten. Mit Ayno „gelang Designer Stefan Diez eine zeitgemäße Produktfamilie, die Form, Funktion und Nachhaltigkeit auf hohem gestalterischem Niveau vereint“, urteilte die Jury und zeichnete sie als Vorreiter aus. 

Zentrales Element der Ayno Leuchte ist ein flexibler, durch das Stromkabel gespannter Fiberglasstab © Midgard Licht / Foto: Peter Fehrentz

Furniture Footprint von Zeitraum

Das Label Zeitraum stellt Möbel aus massivem Holz her. Um deren Grad an Nachhaltigkeit nachvollziehbar zu machen, hat das Unternehmen den „Furniture Footprint“ entwickelt, ein interaktives Bewertungssystem. Ökobilanzen von Herstellung und Transport, Langlebigkeit, der Anteil an Recyclingmaterial, Kreislaufpotenzial sowie Sozialverträglichkeit fließen in die Bewertung mit ein und auch, ob ein Material in natürlicher Form verwertbar ist. Grundlage ist eine umfangreiche Materialbibliothek, mit der sich jedes von Zeitraum hergestellte Möbel auf der Website analysieren lässt.

Den Furniture Footprint findet man am Ende einer Produktseite. Nach den genannten Bewertungskriterien ist der „1.3 Chair“ von Zeitraum in europäischer Eiche zu 100 Prozent nachhaltig, dasselbe Modell in amerikanischem Nussbaum dagegen nur zu 83 Prozent. Den Unterschied machen lange Transportwege der Materialien sowie andere Arbeitsbedingungen. 

„Ein interessantes Tool, das Kunden unterstützt, ihre Kaufentscheidung hinsichtlich Umweltfreundlichkeit bewusster zu treffen“, heißt es in der Begründung der Juroren. Dies führe in Folge dazu, dass „Möbel künftig von vorneherein nachhaltiger gestaltet und hergestellt werden.“ Für den Furniture Footprint erhielt Zeitraum den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design in der Kategorie Vorreiter.

Zeitraum hat den Furniture Footprint entwickelt, ein Bewertungssystem für nachhaltige Möbel © Zeitraum

Bugholzstuhl 214 von Thonet (Design: Michael Thonet)

Als Ikone wurde der berühmte Wiener Kaffeehausstuhl von Thonet ausgezeichnet. 1859 von Michael Thonet realisiert, war das Modell Nr. 14 (heute 214) der erste Stuhl, der industriell gefertigt werden konnte. Revolutionär war die neuartige Technologie des Biegens von massivem Buchenholz sowie die vollständige Zerlegbarkeit in Einzelteile. So konnte der Bugholzstuhl platzsparend und einfach verpackt in alle Welt importiert werden. In eine Kiste von einem Kubikmeter passten 36 zerlegbare Stühle. 

All das verhalf dem modern gestalteten Kaffeehausstuhl zu internationaler Verbreitung. Allein bis zum Jahr 1930 wurde der Klassiker über 50 Millionen Mal verkauft. Bis heute wird der Bugholzstuhl 214 von Thonet in Frankenberg produziert. Das Holz stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft. „Dank seiner hohen Qualität und der zeitlosen Ästhetik ist er sehr langlebig“, so die Jury. „Ein echtes Erfolgsmodell, das seit mehr als 150 Jahren alle Moden und Trends überlebt hat.“

Erstes industriell gefertigtes Sitzmöbel – der berühmte Kaffeehausstuhl 214 von Thonet © Thonet

Stool 60 von Artek (Design: Alvar Aalto)

Bereits 1933 entwarf der finnische Architekt und Designer Alvar Aalto den stapelbaren, dreibeinigen „Stool 60“. Dass sich der Hocker bis heute erfolgreich verkauft, liegt vor allem an seiner schlichten Gestaltung, die ihn als unverwüstlichen Sitz oder Beistelltisch flexibel einsetzbar macht. Aufgrund seiner klaren Formensprache passt Stool 60 zu vielen Einrichtungsstilen.

Nachhaltig ist der Hocker, der als Ikone ausgezeichnet wurde, nicht nur wegen seiner Langlebigkeit. Er wird in Finnland aus regionalem Holz hergestellt. Darüber hinaus bietet ihn der Hersteller auf seiner Second-Hand-Plattform „Artek 2nd Cycle“ an und ermutigt mit dem Claim „Buy now keep forever“ zu bewusstem Konsum. „Ein fantastischer Designklassiker, der in einer Vielzahl von Farben und Ausführungen erhältlich ist und bis heute viel Freude macht“, lautet die Jurybegründung.

Designklassiker Stool 60: stapelbar, robust und schön schlicht © Artek

Wassersystem Grohe Blue von Grohe

Ebenfalls als Ikone wurde die Armatur mit Wasserfilter „Grohe Blue“ ausgezeichnet. Das Wassersystem kam im Jahr 2009 als Blue Pure auf den Markt und wurde wegen großer Nachfrage um weitere Features ergänzt. Zusätzlich zur üblichen Funktion einer Leitungswasserarmatur kann man ihr gefiltertes und gekühltes Wasser entnehmen – je nach Wahl still, medium oder sprudelnd. 

So können große Mengen an Energie und Wasser eingespart werden, die für Herstellung, Reinigung und Vertrieb von Wasserflaschen nötigt sind. Im Gegensatz dazu „schont diese Lösung Ressourcen und trägt zur Reduzierung von Plastikmüll und CO2 Emissionen bei“, argumentierte die Jury. Die Armatur mit ihrem „zeitlos-eleganten minimalistischen Design“ überzeuge auch ästhetisch und habe das Potenzial „ein Umdenken in der Gesellschaft und damit einen Paradigmenwechsel voranzutreiben.“

Das Angebot an nachhaltigen Produkten ist unübersichtlich. Nicht alle sind gut gestaltet. Ansprechend gestaltete Dinge sind nicht immer nachhaltig. Der neue Nachhaltigkeitspreis Design macht es Konsumenten leichter, sich zu orientieren.

Das Grohe Blue Wassersystem wurde als Ikone ausgezeichnet © Grohe

Autorin: Heike Edelmann

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