05. Jun 2020

Robotergefertigte Bausteine für ein temporäres Büro

Flexible Office-Lösungen gibt es einige. Eine, die vollautomatisiert gebaut wird, bisher nicht. In Bezug auf das Thema Digitalisierung und Automatisierung kommt das Bauwesen nur langsam in die Gänge. Dabei besteht für die Bauindustrie ein großes Optimierungspotenzial, wenn digitale Technologien effizient eingesetzt würden. Wie das gehen kann, zeigt das Design- und Technologieunternehmen Automated Architecture (AUAR), die aus robotergefertigten, rekonfigurierbaren Holzbausteinen ein temporäres Office als Coworking Space gebaut haben.

 

Digitalisierte Bauprozesse

Die Bauindustrie war im Vergleich immer eine der weniger digitalisierten Branchen. Doch das ändert sich langsam. Mit den jüngsten Entwicklungen im IT-Bereich und vor allem mit Bauwerksinformationsmodellen (BIM) verändert sich das Planen enorm.

Es ist bereits Standard, dass internationale Planungsteams gemeinsam und zeitgleich an denselben Projektdaten arbeiten. Das vereinfacht den Austausch und die Arbeit erheblich und trägt zu einer besseren Qualität der Planung, Umsetzung, Nutzung und Rückbildung von Gebäuden bei. 

Allerdings haben sich trotz der raschen Digitalisierung die Grundbausteine der Architektur und der Baupraktiken in den letzten Jahren nur wenig verändert. Andere Branchen und Industriezweige haben sich zusammen mit der Technik wesentlich schneller entwickelt. Die so genannte "digitale Architektur" findet in der Öffentlichkeit selten statt, obwohl viele Architekten bereits mit digitalen Werkzeugen und automatisierten Technologien arbeiten.

Ein Projekt, was in letzter Zeit Aufsehen erregt hat, ist das temporäre Office des Design- und Technologieunternehmen Automated Architecture (AUAR). Das Modellbüro wurde aus robotergefertigten, rekonfigurierbaren Holzbausteinen gebaut.

Bis zu zehn Personen können in dem Raum gleichzeitig arbeiten und sich entspannen, während Besucher über eine Online-Anwendung mitmachen und einen Arbeitsbereich reservieren können. © Automated Architecture (AUAR) / Atelier Naaro

Ein zukunftweisendes Projekt – das temporäre Office

Auf der Suche nach neuen Büroräumen entwarf und baute AUAR eine temporäre Installation im The Building Centre in London, das als Wohn-, Büro- und Co-Workingraum dient. Die Installation basiert auf „ALIS“ (Automated Living System), AUARs automatisiertem Bausystem für Wohnungen.

ALIS verwendet roboterartig vorgefertigte Sperrholzbausteine mit reversiblen Verbindungen, die eine schnelle Rekonfiguration und Anpassung des Systems im Laufe der Zeit ermöglichen. Die Anlage ist ein aktives Labor für AUAR, um die Nutzung des ALIS-Systems für verschiedene Anwendungen zu testen, und dient auch als Live-Prototyp für laufende Projekte. 

Die ALIS-Bausteine konstruieren alle Elemente des Office, von privaten Arbeitsräumen über einen großen Besprechungstisch, tragende Wände, Bodenplatten und eine Lounge-Ecke mit Kissen. Der Raum ist als Block oder volumetrischer Abschnitt eines Gebäudes konzipiert, der sowohl Wohn- und Arbeitsräume als auch öffentliche Funktionen beherbergen kann und aus nur einem sich wiederholenden, pixelartigen Baustein besteht.

Die Bausteine sind leicht und können schnell und ohne Spezialwerkzeuge, Kräne oder umfassend geschulte Arbeitskräfte zusammengebaut werden. Die Blöcke selbst wurden auch als Gerüst und Stütze beim Aufbau des Homeoffice verwendet. Die gesamte Installation passt in einen einzigen Transporter, so dass sie nach Abschluss des AUAR-Aufenthalts im The Building Centre einfach und schnell an einen neuen Standort transportiert werden kann.

Die Installation des Design- und Technologieunternehmen Automated Architecture basiert auf „ALIS“ (Automated Living System), einem automatisiertem Bausystem für Wohnungen. Der sich wiederholenden Baustein wird von einer CNC-Maschine geschnitten und von zwei Industrierobotern robotergesteuert zusammengebaut. © Automated Architecture (AUAR) / Atelier Naaro

Flexibel Arbeiten durch innovative Office-Lösungen

Bis zu zehn Personen können in dem Raum gleichzeitig arbeiten oder sich entspannen, während Besucher über eine Online-Anwendung mitmachen und einen Arbeitsbereich reservieren können. Potenzielle Benutzer können sich um ein 3D-Modell drehen und auf einen Holzbaustein klicken, um ihn für einen bestimmten Zeitraum zu reservieren.

Eine Reihe von Bausteinen ist für AUAR-Mitarbeiter reserviert, die sie als feste Arbeitsräume nutzen. Die Arbeitsbereiche sind um die zentrale Lounge-Ecke herum angeordnet, wobei jeder Arbeitsbereich eine private, halb geschlossene Umgebung schafft, in der sich die Benutzer auf ihre Arbeit konzentrieren können, ohne von den Besuchern der Installation abgelenkt zu werden. 

In der nächsten Phase werden die Bausteine wieder neu zusammengesetzt und konfiguriert, um das nächste Zuhause der AUAR zu bilden, diesmal auf einem Gelände in Hackney Wick, unterstützt vom Londoner Stadtbezirk Hackney.

In diesem Rahmen wird das Projekt auch als Büro- und Gemeinschaftsraum fungieren und eine Reihe von Veranstaltungen mit der lokalen Gemeinschaft ausrichten, zum Beispiel mit lokalen Regierungsbehörden, Hochschuleinrichtungen, Kunst- und Performance-Organisationen, Gruppen, die sich auf die Entwicklung der lokalen Jugendführung, die Älteren und die Zukunft des Wohnens konzentrieren. 

Es erinnert an Tetris – ALIS verwendet roboterartig vorgefertigte Sperrholzbausteine mit reversiblen Verbindungen, die eine schnelle Rekonfiguration und Anpassung des Systems im Laufe der Zeit ermöglichen. Nach der Vorfertigung können die Bausteine zu einer Vielzahl von Wohnungstypologien zusammengesetzt werden. © Automated Architecture (AUAR) / Atelier Naaro

Zusammenarbeit mit Erfolgsfaktor

Die ALIS-Bausteine wurden ursprünglich von einem Team von Postgraduiertenstudenten am Design Computation Lab, dem Forschungszweig von AUAR am University College of London, als ein automatisiertes Bausystem für den Wohnungsbau entwickelt. Das System basiert auf einem einzigen, sich wiederholenden Baustein, der von einer CNC-Maschine geschnitten und von zwei Industrierobotern robotergesteuert zusammengebaut werden kann.

Nach der Vorfertigung können die Bausteine zu einer Vielzahl von Wohnungstypologien zusammengesetzt werden, von Einfamilienhäusern über Hinterhofanbauten bis hin zu kompletten mehrstöckigen Wohneinheiten, die alle im Laufe der Zeit neu konfiguriert und angepasst werden können. 

Mit ALIS will AUAR alternative Modelle für Automatisierungsplattformen für den Wohnungsbau befürworten, die eine lokale Konstruktion, Interaktion mit Gemeinschaftsgruppen und eine Anpassung im Laufe der Zeit ermöglichen. Ein Projekt, das auf verschiedenen Ebenen zukunftweisend für die Bauindustrie ist.

Potenzielle Benutzer des Office können sich online in einem 3D-Modell einen Arbeitsplatz buchen. Dafür müssen sie nur auf einen Holzbaustein klicken, um ihn für einen bestimmten Zeitraum zu reservieren. © Automated Architecture (AUAR)

Kommentare (1)
23:47 | 10.06.2020
Nur weil etwas neu ist muss es nicht toll sein. Das ökonomische und angepasste Bauen ist das eine, aber alleine was ich als Ergebnis sehe ärgert mich hier total. Für mich gilt immer noch FORM FOLGT FUNKTION! Wenn ich das riesen Bauwerk sehe, wo die eine Dame quasi auf dem Fußboden lümmeln muss, die Dame am kleinen Schreibtisch sich die Oberschenkel abquetscht und die Arme viel zu hoch liegen müssen, das geht gar nicht. Zudem viel Wandvolumen und sehr dicke Schreibtischplatte ohne ein Stauraum oder eine Schublade. Ich finde, man sollte schon überlegen, was man veröffentlicht. Bin gespannt auf weitere Kommentare. Mit bestem Gruß aus München, die Bärbel Herzog
Weitere Artikel
Alle zeigen