27. Okt 2020

Neues Arbeiten, neue Kunden – neue Angebote

New Work ist längst kein Modebegriff mehr. Von einem revolutionären Konzept aus den 1970er Jahren hat sich die neue Arbeitswelt inzwischen in vielen Bereichen etabliert. Dies wiederum bietet Möbelherstellern und -händlern Chancen eine neue Zielgruppe zu erreichen. Wir sprachen im Interview mit André Hempel, Gründer und Geschäftsführer von Lab of Rent, über New Work, Co-Working und die Post-Corana-Zeit.

Herr Hempel, hinter dem “New Work”-Begriff stecken viele Themen. Welche Auswirkungen der neuen Arbeitswelten müssen durch die Möbelbranche unbedingt beachtet werden und warum?

New Work steht für einen vielschichtigen Prozess mit grundlegenden Veränderungen der Arbeitswelten. Die dynamische Entwicklung wird durch die Digitalisierung und den demographischen Wandel stark beeinflusst. Getrieben durch die Digitalisierung verändert sich die Art des Arbeitens radikal. Prozesse, Tätigkeiten und Abläufe werden neugestaltet und schaffen kreative Freiräume. Dazu kommen die neuen Generationen mit anderen Vorstellungen zur persönlichen und beruflichen Entfaltung. Mit Blick auf die Möbelindustrie heißt das, sich schnell und umfassend der Digitalisierung vor allem im Handel zu stellen, um sich auf veränderte Kundenbedarfe und Anforderungen auszurichten.

Nehmen wir aus dem „New Work-Universum“ mit Co-Working ein großes Thema heraus, um die Auswirkungen auf die Möbelbranche zu betrachten. Was ursprünglich mit überschaubaren Angeboten für Freelancer und Start-Ups begann, hat sich schnell als eine akzeptierte Alternative zur traditionellen Office-Kultur etabliert. Moderne Arbeitswelten und Gemeinschaftsbüros mit urbanem Flair boomen weltweit. 

Ein gutes Beispiel für die Vielfalt von Co-Working ist der dreimonatige Test der Berliner Finanzverwaltung. Im Januar 2020 startete sie „Arbeit mal anders – zukunftsfähige Arbeitskultur in der Senatsverwaltung für Finanzen“.

Für die Büromöbelhersteller bedeutet das eine Ausrichtung auf neue Zielkunden und Überprüfung beziehungsweise Anpassung des Produktportfolios. Was gestern noch gefragt war, ist heute möglicherweise nicht mehr zeitgemäß. 

Verändert die aktuelle Situation etwas daran und wenn ja, was bleibt in der Post-Corona-Zeit? 

Die Pandemie mit ihren Folgen hat diese Entwicklung noch verstärkt und viele Unternehmen zu schnellen Anpassungen ihrer Abläufe gezwungen. Arbeiten von Zuhause war vorher auch schon vorhanden, aber Home-Office passiert jetzt in einem viel größerem Umfang. 

Bedingt durch die zu treffenden Sicherheitsmaßnahmen hat sich der Fokus nach Hause verschoben. Die Büropräsenz und auch das Arbeiten in Co-Working Spaces ist vorerst in den Hintergrund getreten. Ich bin davon überzeugt, dass im Alltag dieses Zusammenspiel als Next Level mit Schwerpunkt Home-Office bleiben wird. 

Remote Arbeiten bedeutet aber eben auch, digital von überall. Co-Working muss sich dabei nicht neu erfinden, aber noch mehr den Spagat des individuellen Arbeitens und kommunikativen Austausches gerecht werden als zuvor. Das Gleiche gilt für den klassischen Büroarbeitsplatz. Die Unternehmen müssen sich so aufstellen, dass diese Möglichkeiten interessant für die Nutzer wieder werden. 

So bieten beispielsweise Hotels ihre freien Kapazitäten selbst oder in Kooperationen für Co-Working inklusive dem Full-Service-Paket der vorhandenen Infrastrukturen an.  Ein Beispiel dafür ist die Scandic-Hotelgruppe mit Angeboten an 270 Standorten in sechs Ländern, unter anderem auch in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main.

Die Arbeitswelten sind dynamischer geworden und nehmen neue Aspekte schneller mit auf als vorher. Wir lernen dabei, dass wir uns alle auf diese Veränderungen einstellen müssen und es auch können.  Für die Möbelbranche liegen hier Chancen für neues Wachstum, nicht nur im Büromöbelsegment. Es bieten sich sogar Möglichkeiten, Trends aus anderen Branchen aufzugreifen und für sich nutzbar zu machen.

Was bedeutet das konkret und welche neuen, zusätzlichen Optionen könnten eine Rolle spielen?

Alle Szenarien einer Post-Corona-Zeit sind gegenwärtig noch sehr theoretisch und besitzen bestenfalls Trendcharakter. Wir können alle noch nicht die genauen Entwicklungen einschätzen. Das bedeutet, dass die Anforderungen an Flexibilität steigen werden. Konkret meine ich damit, dass die verschiedenen Arbeitsumgebungen auch erweitere Angebote in der Bereitstellung von Möbelausstattungen erfordern, um die wirtschaftlichen Risiken besser kalkulierbar zu machen.

Laut einer Studie zu „Neues Arbeiten in Deutschland“ von Schöner Wohnen und Stern aus dem Oktober 2020 ist die Hälfte der Arbeitnehmer bereit, bis zu 500 Euro in das eigene Homeoffice selbst zu investieren. 77 Prozent der befragten Unternehmen würden mehr Geld für Möbel und Flächengestaltung ausgeben, wenn die finanziellen Mittel vorhanden wären. 

Wir leben in einer Situation, wo einerseits diese Anpassungen notwendig sind, aber finanzielle Budgets knapper werden und die zeitlichen Dimensionen der Nutzung noch nicht gesichert sind. Die Frage ist, warum eine Investition nur über das Kaufen erfolgen sollte, wenn es doch bereits mit Mieten Alternativen gibt.

Produkte mieten ist in vielen Bereichen unseres Alltags bereits gelebte Praxis. Anbieter wie ShareNow und TIER Mobility im Mobility-Sektor oder Streamingdienste à la Netflix und Spotify kennen und nutzen wir. Die Otto Gruppe als Deutschlands führender Online-Händler mit ihrem hauseigenen Startup OTTOnow und Grover mit Saturn und Mediamarkt im Background setzen auf Vermietangebote in Lifestyle-Segmenten für Multimedia, Haushalt, Smart-Home und Sport. Selbst in der Fashionbranche ist Mieten mit Anbietern wie beispielsweise myonbelle, FAIRNICA und WeDress Collective nichts Unbekanntes mehr.

Angebote auf Vermietbasis mit Blick auf New Work sind daher nur folgerichtig und ein zeitgemäßes, wirtschaftliches Erfordernis für die Möbelindustrie und ihre Handelsstrukturen. Die aktuellen und neuen Kunden der Arbeitswelten benötigen diese zusätzlichen Konzepte, um selbst überleben zu können. Und damit ist es auch ein Stück weit mit eine Absicherung der eigenen Existenz der Branche.

Gibt es eine echte Nachfrage und auch entsprechende Angebote? Wie können solche Leistungen dargestellt und nutzbar gemacht werden?

Das Thema ist auch nicht neu im Möbelbereich. Gerade im New-Work-nahen Segment der Eventbranche ist es bereits ein bekanntes Modell mit langjährigen Erfahrungen. Und auch im Wohn- und Arbeitsumfeld wird es durch Anbieter wie Lyght Living furniture leasing schon seit mehreren Jahren umgesetzt. 

Ein Beispiel für gelebte Praxis im New Work ist die Zusammenarbeit von Roomhero als Anbieter für Immobilieneinrichtungen mit dem Co-Working-Kunden SleevesUp! Spaces. Hier wurde gerade erst für die neue Location in Darmstadt die Büromöbelausstattung auf Mietbasis abgeschlossen.

Die Herausforderung liegt weniger bei den Produkten, denn hier hat die Möbelindustrie die Voraussetzungen durch die eingesetzten Materialien und die Herstellung für eine Mehrfachnutzung größtenteils. Es ist viel mehr das Gesamtkonzept des Vermietens/Mietens, welche ein noch stärkeres Zusammenspiel mehrerer Partner erfordert. Beispielsweise bedarf es angepasster Inhalte zu Mietbedingungen bei Haftung und Versicherung, um das Prozedere noch zu vereinfachen.

Letztlich bietet die Nutzung über Mieten die Möglichkeit bis hin zu einen Servicemodell „Rent as a Service“. Vergleichbares im Möbelbereich existiert bereits seit Langem in den USA und UK mit „Furniture as a Service“, wo Immobilienanbieter, Versicherungsdienstleister, Logistikunternehmen, Möbelproduzenten und Vermiet-Plattformen im Interesse der Kunden zusammenarbeiten.

Wie schätzen Sie persönlich die Optionen für neue Konsummodelle für den „New Work“-Bereich und grundsätzlich ein?

Ich bin davon überzeugt, dass Rental den Erfordernissen unserer Zeit, neben dem Thema von mehr gelebter Nachhaltigkeit, vor allem aus wirtschaftlicher Sicht durch Erfüllung der Kundenbedürfnisse nach Flexibilität und Individualität entspricht. 

Grundsätzlich geht es dabei auch in der Möbelbranche mit Mietangeboten um Ergänzung der Nutzungsmöglichkeiten für die Kunden und nicht um die Verdrängung des Kaufens. Dies ergibt sich allein schon durch die Materialeignung und Nutzungsdauer der Produkte. Aber genau solche Modelle bieten die Chance für Hersteller und Händler, zusätzliche Standbeine im Vertrieb und Dienstleistungsbereich (zum Beispiel durch die Wiederaufbereitung) aufzubauen. Und ja, in Teilen unseres privaten und beruflichen Alltags werden Mietprodukte zukünftig auch dominieren. Vielleicht wird New Work in manchen Bereichen ein solcher werden. Für mich absolut vorstellbar.

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