30. Sep 2020

Spatial Design: Neuer Studiengang in Luzern

Wie müssen Räume gestaltet sein, damit wir sie als angenehm empfinden? Dass ist eine der wesentlichen Fragen, mit der sich Spatial Designer beschäftigen. Die neue Design-Ausrichtung verändert die Art und Weise, wie Räume geplant werden können. Zum Wintersemester 2020/2021 bietet die Hochschule Luzern – Design & Kunst erstmalig den neuen Studiengang an. 

Wir sprachen im Vorfeld mit Klaus Marek, Leiter des Bachelor-Studiengangs, über die Studienausrichtung, das Arbeitsfeld der zukünftigen Designer und wie die Corona-Krise die Nutzung von öffentlichen Räumen nachhaltig verändert hat.

Die Studienrichtung Spatial Design wird an der Hochschule Luzern – Design & Kunst zum Wintersemester 2020/2021 erstmalig eingeführt. Wie ist der Studiengang aufgebaut? Was können ihre Studenten erwarten? 

Die Studierenden erwartet eine sehr vielseitige und praxisnahe Ausbildung. Die Studienrichtung Spatial Design verknüpft räumliche Gestaltung mit Experience Design und digitalen Medien und fokussiert so auf die kommunikativen Aspekte des Raums. Wir fassen Raum als Medium auf, also als etwas, das idealerweise aus dem entsteht, was darin erlebt werden soll.

Im Studium lernen die Studierenden deshalb entsprechende Methoden sowie gestalterische und mediale Grundlagen, mittels derer Erlebnisse bewusst gestaltet werden können. Praxisnähe schaffen wir durch realitätsnahe Projekte, die die Studierenden mit Partnern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Hand bearbeiten.

Andererseits wird der Bezug zur Praxis durch die Dozierenden hergestellt, die aus national und international tätigen und entsprechend vernetzten Designbüros und Agenturen kommen und sehr viel praktische Erfahrung mitbringen. 

Spatial Design konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Architektur, Design und Mensch mit dem Innenraum als Ausgangspunkt. Spatial Designer arbeiten disziplinübergreifend. In welchen Tätigkeitsfeldern können ihre Studenten nach dem Studium kreativ werden? Wo sind die möglichen Grenzen der zukünftigen Designer? 

Das Studium bezieht sich auf drei Raumbegriffe und die entsprechenden Tätigkeitsfelder: Erstens «Space for Services» bezieht sich auf Räume, die aus den Interaktionen und den Handlungen, die darin stattfinden, entsteht oder aufgrund dieser gestaltet werden. Hier arbeiten wir in Tätigkeitsfeldern wie Workplace Design, Wayfinding (Orientierung in zusammenhängenden Raumkomplexen), Space for Public Services, Space for Education oder Space for Healthcare.

Zweitens «Space for Communication», also Räume zur Vermittlung von Inhalten: vom Raum als Informationsträger bis hin zum virtuellen Raum, der selbst aus Informationen entsteht, also Exhibition Space, Museum Space, Retail & Trade Fair Design, Event Design und natürlich Virtual Reality.

Und drittens behandeln wir «Acting Spaces», wo wir den Raum als Bühne betrachten – als Umgebung, in die eine Handlung eingebettet ist – was sich aber nicht zwingend auf Theaterbühnen beziehen muss. Hier bearbeiten wir Projekte aus den Bereichen Stage Design oder Public Space.

Auf dieser Grundlage und in Verbindung mit einer ausgeprägten räumlich-medialen Kompetenz werden Spatial Designer auch Führungsrollen in Designteams für oben genannte Tätigkeitsfelder einnehmen können. Heute fehlen solche Vermittlungskompetenzen oftmals – mit der Folge, dass sich die projektbeteiligten Fachleute auf ihre angestammte Disziplin zurückziehen und übergreifende Aspekte oftmals ausgeblendet werden.  

Bei der Inszenierung von Räumen unter Gesichtspunkten des Spatial Design legt man großen Wert auf Experience Design und digitalen Medien. Was für Möglichkeiten bietet die neue Design-Ausrichtung? Wie können Unternehmen bei Messen, Ausstellungen oder Events davon profitieren? 

In dem wir das Studienangebot auf die Verknüpfung von räumlicher Gestaltung mit Experience Design und digitale Medien ausrichten, stellen wir einerseits den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Erwartungen und Erfahrungen, andererseits auch zukunftsgerichtete Technologien, die im Raum wirksam sein können ins Zentrum.

Spatial Design fokussiert also nicht auf die Gestaltung der architektonischen Raumbegrenzung, als vielmehr auf die Nutzererfahrung im Raum und beschäftigt sich mit den darin stattfindenden Wahrnehmungen, Handlungen und Interaktionen sowie den Erlebnissen beim Durchschreiten eines Raums.

Aufgrund der hieraus gewonnenen Erkenntnisse kann die Gestaltung des Raums quasi auf die Nutzenden zugeschnitten werden – sei es im physischen oder im digitalen Raum. Das Digitale betrachten wir dabei als etwas, das die Erlebnisse im Raum unterstützen oder selbst hervorrufen kann.

Beim Spatial Design spielen die Dimension des menschlichen Handelns genauso eine wichtige Rolle wie Erinnerungen und Rituale. Wie schafft die Design-Ausrichtung trotz hohen Digitalisierungsgrad, dass der Faktor Mensch nicht auf der Strecke bleibt, sondern in den Mittelpunkt des Handelns gestellt wird? 

Wie oben schon beschrieben, ist der Einbezug menschlicher Bedürfnisse, Erlebnisse, Erfahrungen und Erwartungen in den Design-Prozess, ein wichtiger Aspekt – wenn nicht der wichtigste. Und wir haben den Vorteil, dass jeder Mensch bereits einen breiten Erfahrungsschatz in Bezug auf Raum mitbringt – wir bewegen uns immer in Räumen und erfahren sie ständig, wir leben, freuen uns oder feiern darin, wir haben sogar einen Sinn, der es uns erlaubt, uns im Raum körperlich zu orientieren und zu verorten.

Das unmittelbare Wissen, das wir idealerweise durch die Beschäftigung mit echten Menschen (Nutzenden) gewinnen, bildet als Grundlage so etwas wie den Kompass des Entwurfs von Räumen. Im Studium werden neben dem Entwurf von physischen und digitalen Räumen Designprozesse und Methoden vermittelt, mittels derer diese Grundlagen ermittelt werden und für den Raumentwurf genutzt können.

So setzen wir Entwürfe möglichst immer im Maßstab 1:1 als Prototypen um, um sie dann auch in Realität mit echten Menschen testen zu können. So ist ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit gegeben, dass der Entwurf auch dem entspricht, was sich die Nutzenden davon versprechen. Das kreative Element im Entwurfsprozess ist die Verknüpfung und Integration der gewonnenen Erkenntnisse aus diesem nutzerzentrierten Ansatz zu innovative Raumkonzepte und Inszenierungen. 

Die Corona-Krise hat die Art und Weise, wie wir öffentliche Räume nutzen, verändert. Das Abstandhalten und die Hygienemaßnahmen führen dazu, dass der sonst so normale Umgang untereinander im öffentlichen Raum auf die Probe gestellt wird. Sehen Sie durch Spatial Design hier eine Chance, dass man Räume unter Hilfestellung von Experience Design und digitalen Medien zukünftig anders nutzt?  

Ja, ganz klar. Ich denke sogar, dass der Ansatz des Spatial Design hier zentral ist. Es gibt ja so etwas wie eine neue Normalität. Doch die physischen Räume haben zwangsläufig nicht mit dieser neuen Normalität Schritt gehalten. Vieles ist improvisiert und könnte leicht wieder zurückgebaut werden – wohl durch die Hoffnung, dass wir bald wieder zur quasi alten Normalität zurückkehren können.

Gerade durch die Verknüpfung der räumlichen Gestaltung mit Experience Design könnten die Bedürfnisse, Erwartungen und Erfahrungen der Menschen mehr ins Zentrum gerückt werden, um Lösungen für Räume zu entwickeln, die den Anforderungen, die die neue Realität mit sich bringt, in sinnvolle, lebenswerte und gestaltete räumliche Lösungen umzumünzen.

Einige Situationen im öffentlichen Raum sind ja auch vor der Corona-Krise schon problematisch gewesen, zum Beispiel dort, wo sich zu bestimmten Zeiten viele Menschen, die sich nicht kennen, einen begrenzten Raum teilen müssen. Niemand wird sagen, dass sie oder er das Bad in einer Masse an Pendlern im Bahnhof genießt. Dennoch nehmen wir es als gegeben hin.

Die Corona-Krise hat uns dies nun noch deutlicher ins Bewusstsein gerückt, obwohl es, bedingt durch die Corona-Krise, weniger Pendler gibt. Hier könnten neue Lösungen gesucht werden, die auf das Verhalten von Menschen Bezug nehmen.  

Klaus Marek studierte Produktgestaltung an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und Architektur an der Universität Stuttgart. Im eigenen Designbüro konzipierte er innerhalb verschiedener Kooperationen unter anderem neue Schreibgeräte für die Firma Stabilo oder ein Schalterprogramm der Firma Somfy mit Schwerpunkt Benutzerführung. Als Architekt arbeitete er im Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron sowie im eigenen Studio. Er lehrte als Dozent für Produktgestaltung und Prozessgestaltung im Bachelor an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. An der Hochschule Luzern – Design & Kunst ist er Leiter des Bachelor Spatial Design sowie Dozent im Master Design.

Autor: Bernadette Trepte

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