Materialinnovation

Superwood – Werkstoff mit Zukunft

In der Mode ist Fast Fashion nicht mehr angesagt und auch die Möbelindustrie sucht nach nachhaltigen und langlebigen Lösungen für ihre Produkte. Die Designerin Sofia Souidi hat in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut für Holzforschung jetzt Superwood entwickelt – ein Material, das aus recycelten Komponenten besteht und selbst recyclingfähig ist. 

05. Jul 2022

Nachhaltige Alternative für den Möbelbau 

Normalerweise werden für die Produktion von Schränken, Tischen oder anderen Möbelstücken mitteldichte Faserplatten (MDF-Platten) verwendet. Diese Platten haben den Vorteil, dass Temperaturschwankungen keinen Einfluss auf die Stabilität und Form haben. Sie verziehen sich nicht. Dank ihrer homogenen Struktur lassen sie sich auch sehr einfach verleimen und sind gut zu streichen. Ideal, wenn es schnell gehen muss. 

Einen neuen, nachhaltigen Ansatz verfolgt das Forschungsprojekt der Designerin Sofia Souidi, ehemalige Teilnehmerin des Pure Talents Contests der imm cologne, in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Holzforschung.  

Das Team hat das sogenannte „Superwood" entwickelt: Einen Werkstoff, der die Vorteile der MDF-Platten nutzt, aber auf petrochemische Bindemittel verzichtet. Stattdessen hat das Projektteam Leim aus Kasein (Milchprotein) verwendet, der bereits in der Antike als Klebstoff für den Möbel- und Bootsbau genutzt wurde.

Wegen strenger Hygieneauflagen werden in Deutschland jedes Jahr rund zwei Millionen Liter Milch entsorgt. Aus diesem eigentlichen Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie lässt sich Kasein gewinnen. So kann das Kasein-Bindemittel aus einem vorhandenen Abfallprodukt hergestellt werden – ohne Lebensmittelkonkurrenz. 

Ein Ziel der Kooperation zwischen der Designerin und dem Forscherteam bestand darin, recycelte Holzfasern aus Altholz zu verwenden, um daraus ein Material zu entwickeln, welches selbst vollständig recyclingfähig ist. Darüber hinaus wurde die Beimischung von andersfarbigen Forst- und Produktionsabfällen erprobt.  

Wir haben mit der Designern Sofia Souidi über den neuen Werkstoff Superwood und den Trend zu mehr Nachhaltigkeit in der Möbelindustrie gesprochen. 

Superwood ist ein neues, für die Möbelindustrie geschaffenes Faserplattenmaterial, Es besteht aus recycelten Holzfasern, die mit einem historischen Leim aus Milchsäure vermischt und zu Platten gepresst werden © Studio Sofia Souidi

Im Jahr 2019 haben Sie bereits angefangen im Bereich nachhaltige, innovative Materialtechnologien zu experimentieren. Wie genau ist die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Holzforschung zu Stande gekommen?  

Ich habe 2019 in meiner kleinen Werkstatt begonnen, Techniken aus dem Buchdruck zum Pressen von Holzfasern zu verwenden. Dabei kam ich an die Grenzen der technischen Umsetzung, da die Fasern nicht fest genug zusammengepresst wurde und so die Oberflächen heterogen wurden.

Wegen einer früheren Uni-Exkursion zu einem anderen Fraunhofer Institut kam ich auf die Idee, mich an das Fraunhofer Institut für Holzforschung zu wenden. In deren Technikum sind die ersten Musterplatten entstanden, um die Kombination zwischen Kaseinleim und Holzfasern zu erforschen. Im Folgenden habe ich dort ein Artist in Lab Stipendium erhalten, um das Material weiterzuentwickeln. 

Es geht Ihnen um Nachhaltigkeit – der entwickelte Werkstoff Superwood soll langlebig sein und Ressourcen schonen. Aber als Designerin haben Sie auch einen gewissen Anspruch an die Ästhetik eines Objektes. Spielt für Sie die Optik eine Rolle bei Materialinnovationen? 

Superwood besteht aus Abfällen der Holzindustrie, die mit einem ökologischen Bindemittel zu Platten gepresst werden – dieser Charakter zeichnet das Material aus und sollte deswegen auch visuell übermittelt werden. Mit einem experimentellen, spielerischen Ansatz verschieben wir die visuelle Erwartung von recycelten Materialien, erforschen die visuellen Qualitäten von Holzfasern und Produktionsabfällen. 

Ob einfarbig, marmoriert, mit grafischen Elementen oder terrazzoähnlichen Strukturen – Superwood bietet vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten © Studio Sofia Souidi

Nachhaltigkeit ist in aller Munde – nicht nur in der Möbelbranche. Wie nehmen Sie die Entwicklung in Sachen ressourcenschonender Umgang mit Materialien in der Möbelindustrie wahr?  

Der Möbelverbrauch und damit der Holzverbrauch steigt pro Person jährlich rasant an. Dadurch müssen Massen an Sperrmüll entsorgt oder recycelt werden. Je weniger Schadstoffe Holz enthält, desto besser lässt es sich recyceln. Viele Möbel werden jedoch lackiert oder mit formaldehydhaltigen Bindemitteln verklebt. Sie enthalten daher Schadstoffe und können nicht recycelt werden.

Durch verschiedene Regulierungen dieser Schadstoffe gibt es einen Trend in Richtung nachhaltiger Materialien – doch der Weg zu den wirklichen Anwendungen ist noch weit. Noch immer wird der Markt vom Preis bestimmt. Ich denke, es erfordert den Mut von Unternehmen Nachhaltigkeit wirklich umzusetzen. 

Die in Kassel geborene Produktdesignerin Sofia Souidi gründete nach ihrem Abschluss am Royal College of Art in London 2017 ihr Designstudio in Berlin. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Nachhaltigkeit und reicht von Materialforschung und -entwicklung bis zur Gestaltung zeitgenössischer Möbel und Leuchten. 2020 gewann Sie mit der Lampe „Jojo“ den 3. Platz des Pure Talents Contest“. © Ivo Hofsté

Autorin: Bernadette Trepte

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