23. Sep 2020

Trendscouting nur online - Geht das?

Willkommen in der neuen Zeit. In der es auch um Möbel geht, in erster Linie aber um Vernetzung, Kooperation und Miteinander. Wie werden wir künftig wohnen, arbeiten und die Leute zurück in die Läden locken? Darüber wurde in den „Digital Talks“ der Maison & Objet/MOM nachgedacht und diskutiert. Ein Erfahrungsbericht.

Als Innenarchitektin und Trendscout liebe ich Messen, die sich wie ein bunter Faden durch das Jahr ziehen. Im Januar fand die imm cologne noch im gewohnten Rahmen statt. Der Salone wurde ersatzlos gestrichen und die Maison & Objet (MOM) hat die Zeit genutzt, ihr Format an die veränderten Bedingungen anzupassen.

Neugierig besuche ich meine erste digitale Messe und beobachte, ob sich auch hier Trends finden lassen. Zwei Wochen vor Messebeginn konnte man sich online für verschiedene Talks registrieren. Acht Konferenzen habe ich mir ausgesucht und erhielt sieben Tage vorher, zwei Tage vorher und am selben Tag eine Erinnerung. Technisch wirklich unkompliziert und einfach zu nutzen.

Trendvorträge online

Gleich im ersten Talk ging es um Trends, präsentiert von Elisabeth Leriche, François Delvaux und François Bernard, die seit Jahren die Trendhäuser der MOM gestalten. Oft sind diese Trendbereiche mein persönliches Messehighlight. Einzelne Produkte werden in einen thematischen Kontext gerückt und mit einem Lebensgefühl verbunden. Beides konnte ich in den digitalen Präsentationen wiederfinden. Weil ich französisch spreche. Für alle nicht französisch sprechenden Zuschauer war es schwierig. Ihnen blieben nur die Bilder. Weder Untertitel noch Übersetzung halfen beim Verständnis. Das kann man in Zukunft sicher optimieren, denn inhaltlich waren die Themen spannend.

Digital Talk zum Thema „Die Zukunft des Einzelhandels“ mit Beispielen von La Redoute Interieur © Maison & Objet

Durch Beispiele in der Präsentation bin ich auf Firmen aufmerksam geworden, die ich bisher nicht kannte. Und als einer der Trendforscher die Ausstellung „Down to Earth“ im Berliner Gropius Bau als Referenz erwähnte, konnte ich sie mir zwei Tage später noch selbst ansehen.

Anstelle von Inszenierungen und Produkten standen psychologische und gesellschaftliche Insights im Fokus der Digitale Talks. Covid-19 hat unser Leben radikal und rasant schnell verändert. Die Auswirkungen erleben wir täglich beim Einkaufen und Arbeiten, beim Wohnen und Reisen. Mir ging es darum Eindrücke zu sammeln, wie Architekten, Designer und Trendforscher diese Zeit erleben, welchen Umgang und welche Antworten sie für sich und ihre Kunden finden. Dafür war das digitale Format bestens geeignet.

Welche Tools geben uns während der Pandemie Sicherheit? © Maison & Objet

Schon der vielfältige Angang an das Thema Trends war spannend. Während die einen auf Intuition oder Erfahrung setzen, nutzen andere Agenturen künstliche Intelligenz, analysieren Daten und suchen nach belegbaren Beweisen für Ihre Vorhersagen.

Trendforscher haben feine Antennen für Sehnsüchte

Interessanterweise fand ich die Resultate der datenbasierten Analyse oft weniger inspirierend und zukunftsorientiert als die der intuitiven Trendforscher. Datenbasierte Vorhersagen beschäftigen sich derzeit viel mit Themen wie Angst und Unsicherheit. Und ihren Gegenmaßnahmen. Die Antworten entsprachen dem Tool und fielen oft technisch aus. Traditionelle Trendforscher nehmen mit feinen Antennen stärker die Sehnsüchte und Bedürfnisse wahr und gelangen so zu anderen Antworten.

Die Digitale Talks habe ich als Bereicherung empfunden. Gerade weil sie auch mal sperrig waren oder Themen betrafen, mit denen ich mich nicht täglich befasse, haben sie Ideen gepflanzt und den Geist angeregt.  Es ging um die Inhalte der neuen Zeit. Um das Wie wollen wir leben, statt Was sollen wir konsumieren.

Die Zukunft: Digitale Angebote mir Ausstellungskonzepten verknüpfen

Als Gestalterin habe ich es in den letzten Monaten vermisst, Stühle, Tische und Materialien entdecken und anfassen zu können. Die Online Suche nach den gewünschten Produkten ist zwar effizient, aber unsinnlich. Ihr fehlt es an Zauber und Überraschung. Ein Grund in Zukunft wieder zu Messen zu fahren. Wie diese künftig die digitalen Angebote mit neuen Ausstellungskonzepten kombinieren wird interessant. Wäre es nicht toll, wenn Messen mehr Erlebniswelten wären als Produktschauen? Wenn sowohl Hersteller als auch Städte in den Erneuerungsprozess mit einbezogen würden? Müssen es ausschließlich Neuheiten sein, die gezeigt werden oder kann es auch Vintage Sektionen geben? Ich wünsche mir, dass Messen die Wunderkammern der neuen Zeit werden und uns zum Staunen bringen.

Die 12 wichtigsten Insights:

  1. Während die Einrichtungsbrache jahrelang von der Optik dominiert wurde, verstärkt Corona die Wahrnehmung von Möbeln und Räumen mit den anderen Sinnen. Entscheidend ist künftig, ob ein Stuhl sich auch gut anfühlt und nicht nur wie er aussieht.
  2. Die Show ist vorbei. Echtheit, Einfachheit und Verantwortungsgefühl sind die neuen Kriterien der Kunden
  3. In Zukunft wird weniger konsumiert, dafür hochwertigere Produkte: Vom Nice to have zum Need to have.
  4. Fühlen first. Im selben Zug wie unser Alltag virtueller und technischer wird, steigt das Bedürfnis nach handwerklich gefertigten und sinnlich be-greif-baren Produkten.
  5. Nachhaltigkeit und das Bewusstsein für Produktionsketten nehmen zu. Themen wie Kreislaufwirtschaft und der Fokus auf’s Lokale werden für Hersteller relevant.
  6. Wir möchten uns mit Dingen umgeben, die eine Geschichte haben. Produkte die aus der Masse herausstechen.
  7. Vintage wächst: Statt wegzuwerfen gibt es einen zunehmend großen Markt an attraktiven Anbietern von gebrauchten Möbeln, teils auch ergänzend zum klassischen Handel.
  8. Ein guter online Auftritt ist eine absolute Notwendigkeit. Er kann Einzelhändlern das Überleben sichern.
  9. Instagram ist das Tool der Stunde. Kunden inspirieren, informieren und verkaufen. 24/7
  10. Die Leute gehen nur noch in Läden, die inspirieren und überraschen. Und sehr guten Service bieten. Alles andere finden sie online.
  11. Community Building: Was kannst Du für Deine Kunden tun? Womit kreierst Du einen Mehrwert in ihrem Leben?
  12. Co-Living & Co-Working: Allein war früher. Sharing ist das Lebensmodell der Zukunft.
Ansprechpartner
Porträt von Juliane Bennien
Juliane Bennien standard.toggle-bookmark Innenarchitektur
Spaces & Places
Firma

Spaces & Places

standard.toggle-bookmark Innenarchitekten & Raumausstatter
Kommentare (2)
Porträt von Matthias Wobbe
Matthias Wobbe
MoebelaPort
16:28 | 23.09.2020
2.) Im Internet kann der Kunden schneller vergleichbare Produkte finden, umso mehr ist es für den Einzelhandel wichtig, das hier vielleicht gänzlich ein Umdenken im Verkaufsraum der zu verkaufenden Artikel gedacht wird. Warum lässt sich der Einzelhandel seine Beratung nicht endlich bezahlen, Sie sagen jetzt gleich, das geht nicht? Versuchen Sie es einfach mal. Starten Sie mit -ihrer normalen Kalkulation, Der Kunde muss nach der Beratung den präsentierten und kalkulierten Artikel kaufen, oder er bezahlt am Ende die Zeit die Sie oder Ihr Mitarbeiter bezahlt hat! Möchte der Kunde sich seinen Kauf, weil noch unentschlossen überdenken, so bieten Sie ihm an, gerne auch in 3 bis 4 Wochen seine Beratungsgebühr beim Kauf in Ihrem Geschäft abzuziehen, Ihm also die Kaufsumme abzüglich der Beratungsgebühr zu berechnen!
Porträt von Matthias Wobbe
Matthias Wobbe
MoebelaPort
16:27 | 23.09.2020
Internet mit der neuen integrierten App bei Apples I Phone oder I Pad ist ja recht schön wenn man hiermit Virtuell ein Möbelstück präsentieren kann. Eine Couch oder ein Sessel jedoch der ist nicht im Internet so leicht zu verkaufen wie ein bestimmter immer selbiger Schrank zum Beispiel von Ikea der schon immer so ist und so war. Gerade bei Polstermöbel möchte der Kunde das Material spüren die HAPTIK, ein feiner Velours aus reiner Schurwolle, wie fühlt sich dieser im Unterschied zu einer feinen Velours Chemie oder Baumwollfaser an, solche Eindrücke werden nie im Internet leichter anzubieten sein.
Weitere Artikel
Alle zeigen