Interview mit Trendforscher Frank A. Reinhardt

„Wohnen ist schließlich mehr als eine Stilfrage“

Von Natural Luxury bis Sharing Spaces: Vor Ostern haben wir die von der imm cologne ausgerufenen sechs wichtigsten Trends für die Einrichtungsindustrie vorgestellt. Trendforscher Frank A. Reinhardt (FAR.consulting) gibt Beispiele für die stilistisch wie gesellschaftlich relevanten Phänomene und erläutert die Möglichkeiten, die sich daraus für die Einrichtungsbranche ergeben.

24. Jun 2021

Herr Reinhardt, wie hilfreich sind die von der von Ihnen für die imm cologne beschriebenen Trends für Einrichtungsmarken? 

Frank A. Reinhardt: Wir leben in einer komplexen Welt, und mit Corona ist sie bestimmt nicht einfacher geworden. Als Trendforscher beschäftige ich mich schon seit Jahren mit gesellschaftlichen Trends und deren Auswirkungen auf das Wohnen. Insgesamt hat die Analyse eher positive Entwicklungen und eine große Anzahl von Wachstumsmärkten aufgezeigt. 
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Die imm cologne bleibt Spiegelbild der aktuellen Einrichtungstrends.In mehreren trend.briefings zeigt sie über das gesamte Jahr verteilt die aktuellen Strömungen der verschiedenen Wohnbereiche.

Zum aktuellen imm cologne trend.briefing "Schlafen" erwartet Sie in der kommenden Woche ein Themen-Newsletter mit Proukten, Herstellern und vertiefenden Informationen. Das TV-Format zum Thema "Schlafen" können Sie hier sehen.

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Die Darstellung der Einrichtungstrends dient der Orientierung und kann bei der zukünftigen Ausrichtung von Angebotssegmenten als zusätzliche Entscheidungsgrundlage dienen. Nicht jedes Unternehmen der Möbel- und Einrichtungsindustrie kann sich schließlich eine eigene Trendforschung leisten. Der Service hier bei ambista ist einmalig, weil die Trends auch gleich mit konkreten Produktbeispielen verknüpft sind. 

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Die Trends im Überblick: 

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Welche Trends sind denn besonders wichtig? Gibt es Entwicklungen, die man nicht verpassen sollte? 

Ich denke das Thema Nachhaltigkeit wird die Einrichtungsbranche in den nächsten Jahren so dominant prägen wie keine andere Entwicklung. Wir haben uns bei der imm cologne auf den Trendnamen Natural Luxury geeinigt. Bei der Bezeichnung haben wir uns bewusst auf die Betonung der Langlebigkeit mit Öko-Komponente entschieden. Aktuell sind qualitativ hochwertige Materialien und langlebiges Design auf der Welt gefragt. 

Die bewusste Kaufentscheidung für einen Einrichtungsgegenstand mit ökologischem Mehrwert leitet eine Entwicklung ein. Wir sind sicher, dass die von kurzfristigen Mode-Impulsen, aber auch von einer gewissen Geringschätzung geprägte Wegwerfmentalität bei Möbeln im Niedrigpreissegment zwar noch ein Markt bleiben wird, aber immer mehr Menschen bewusster Möbel von höherer Qualität einkaufen. Dieser Trend hat das Zeug, langfristig die komplette Einrichtungsbranche auf den Kopf zu stellen. 

Ist das Thema Nachhaltigkeit bei Möbeln ein Wachstumsmarkt? 

Kurzfristig bestimmt, aber bald schon wird ein nachhaltig produziertes Möbel zu einer Selbstverständlichkeit werden, und der Produzent muss glaubhaft versichern, dass von der Entwicklung über die Produktion und die Verpackung bis hin zum Vertrieb sein Produkt unter rein nachhaltigen Aspekten angeboten wird. Das wird eine ähnliche Entwicklung nehmen wie vor 20 Jahren das Design: zuerst Profilierungstool, dann Basic-Feature. 

Übrigens spielt auch das Trendthema Wohngesundheit bei Natural Luxury mit hinein. Der Druck auf Produzenten, Produktdesigner und Marken zur Erfüllung dieses Pflichtbereichs wird in den nächsten Jahren stark wachsen. Der Beipackzettel zur Ökobilanz wird dem Produkt so selbstverständlich beigelegt werden wie heute die Pfleganweisung. 

Mit Connected Living beschreiben Sie einen Trend mit hohem Entwicklungspotenzial. Ist die Akzeptanz bei den Nutzern schon ausreichend vorhanden? 

Die Corona-Pandemie wirkt auch hier wie ein Katalysator: Connected Living bietet mehr Komfort durch automatisierte Routinen, digitalisierte Funktionen im Homeoffice bis in den Freizeit- und Fittnessbereich und unterstützt an vielen Stellen sogar eine verbesserte Hygiene – etwa durch berührungslose Bedienung via Bewegungssensoren und Voice Control. 

Es vereinfacht das Leben und reduziert Stressfaktoren. Smart-TV oder der Saugroboter gelten als Einstiegsgeräte in die Smart Home Welt. Auch Möbel werden zunehmend mit smarter Technologie ausgestattet. Und ein Personal-Trainer kommt via Videowall ins Zuhause und gilt als cooles Einrichtungsobjekt. Wir sind offen für viele neue Ideen mit Connected Living. 

Wir können nicht alle in einem Loft mit Blick über die Stadt wohnen – dennoch beschreiben Sie mit dem Trend Blurring Boundaries die zunehmende Lust nach entgrenztem Wohnen und die flexible Nutzung einer neuen Generation von Möbeln? 

Das Ineinanderfließen der Räume führt zu einem Bedarf an multifunktionalen Möbeln, die Wohnbereiche markieren oder solche voneinander abgrenzen. Gerade erleben wir das mit dem Homeoffice, für das wir in kleineren Wohnungen räumliche Separatoren oder zumindest eine Sekretär-Funktion brauchen. Das ist also nicht bloß ein Luxusproblem. 

Auch hat das Zusammenlegen von Räumen ja ganz pragmatische Gründe, um Platz zu sparen oder großzügiger wirken zu lassen. Gerade für kompakten, urbanen Wohnraum brauchen wir mehr Stauraum, der gleichzeitig als Abgrenzung fungiert. Dazu gibt es noch zu wenig bezahlbare Produktlösungen. 

Wo setzt sich Blurring Boundaries in der Praxis am ehesten durch? 

Das ist nicht nur eine Frage von Preisniveau oder Wohnungsgröße, sondern in erster Linie von Funktionen. Auch familiengeeigneter Wohnraum kann in Teilen nach dem Loft-Prinzip funktionieren. Bei Küche und Wohnen scheint das Entgrenzungsprinzip schon seit längerer Zeit gut anzukommen. Die Idee, Badezimmer und Schlafzimmer zu verbinden, funktioniert hingegen nur im Hospitality-Bereich wirklich gut, aber Outdoor und Living passen dafür wieder umso besser zusammen. Moderne Möbel für den Einrichtungstrend Blurring Boundaries müssen vor allem flexibel sein. 

Die Lust aufs Umdekorieren und die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten des entgrenzten Wohnens fordern Möbel, die in unterschiedlichen Situationen einsetzbar sind. Ein Sessel, ein Pouf oder ein Servierwagen kann dann schon mal im Badezimmer, im Wohnraum, im Homeoffice oder auf der Terrasse genutzt werden, und auch Regale, Garderoben, Konsolen und Schränke können als solitäre, mobile Elemente öfters mal den Ort beziehungsweise den Raum wechseln. Der Trend stellt daher neue Anforderungen an Möbel und die Möbelindustrie erfindet sich gerade neu. 

Was verstehen Sie unter dem Trend Multifunctional? 

Der Trend zum multifunktionalen Möbel hat vor allem zwei Treiber: zum einen die Reduktion des Platzangebots bei gleichzeitigem Wunsch nach perfekt aufgeräumter Optik; und zum anderen erhöhte Anforderungen an die Funktionalität aufgrund veränderter Nutzungsmuster. 

Interessant ist auch, dass wir diese Multifunktionalität in allen Bereichen einfordern: im privaten Heim, in der Studentenwohnung und im Büro, aber auch im Hospitality-Bereich. Wir wollen effizienter, flexibler und komfortabler wohnen und arbeiten – der Trend Multifunctional fordert die Innovationskraft der Möbelindustrie heraus. 

Wie meinen Sie das? 

Im Social Web sieht man zunehmend animierte Videos, die eine multifunktionale Verwendung von Möbeln zeigen. Ein Bett verwandelt sich in einen Schreibtisch, ein Esstisch wird zum Homeoffice und ein Sofa oder Schrank zum Schlafzimmer. Hier überschneiden sich auch ein Stück weit die Trends Multifunctional und Blurring Boundaries. 

Um von diesem Trend zu profitieren, muss die Möbelindustrie diese Funktionen in Produktangebote umwandeln. Aktuell profitieren vor allem die Schreiner vom Trend Multifunctional – ich kann mir aber vorstellen, dass auch Möbelproduzenten mit einer hohen Fertigungstiefe von diesem Wachstumsmarkt profitieren können. Auf der anstehenden: interzum @home waren viele Innovationen der Möbelzulieferindustrie dazuzusehen. 

Beim Trend For Seasons prognostizieren Sie, dass Möbel zunehmend als Lifestyle-Objekte gehandelt werden. Ist das nicht ein reiner Social Media-Hype? 

Die Voraussetzung des For Seasons Trends ist die Enttabuisierung des Dekorativen: Dekorieren wird im Interior Design wieder ernst genommen, und selbst in minimalistischen Interieurs gilt eine punktuell kräftige Akzentuierung durch jahreszeitlichen Schmuck nicht mehr als Stilbruch. Wohnen wird wichtiger, unser Zuhause ist „save“, gemütlich und Ausgangsbasis unseres Lebens. Und ja: Die Influencer aus dem Wohnbereich greifen diesen Trend auf und treffen damit ein Grundbedürfnis der. 

Übrigens: Der Wandel in der Einrichtung orientiert sich aber nicht nur am Trendgeschehen, sondern ganz unmittelbar an der uns umgebenden Natur und dem Rhythmus von Jahreszeiten und kulturellen Fixpunkten. Gerade mit der Corona-Pandemie nehmen wir die Natur wieder intensiv wahr und orientieren uns stärker an den Jahreszeiten. Wohnen wird immer wichtiger – von diesem Trend profitiert die gesamte Einrichtungsbranche. 

Sie sehen in naher Zukunft ein Wachstum von neuen Wohnformen. Wie wohnen wir in der Zukunft? 

Unser Leben verändert sich dramatisch: Wir müssen flexibel sein, und unser Arbeitsplatz ist nicht nur im Homeoffice, sondern kann morgen schon in Italien sein. Lebensbiografien sind nicht mehr so gradlinig wie in den Zeiten unserer Eltern. Junge Menschen sind zur Agilität erzogen worden nach dem Motto „Wo mein Laptop aufgeklappt wird, da ist auch mein Zuhause“. 

Unsere Gesellschaft wird nicht nur kontinuierlich älter, sondern vereinsamt auch allmählich – übrigens kein Problem mehr nur der Älteren, sondern gerade auch junger Menschen. Für all diese Herausforderungen brauchen wir unbedingt neue Wohnformen, denn Wohnen ist schließlich mehr als eine Stilfrage – es ist die strukturgebende Basis für das Funktionieren unseres modernen Lebens. 

Da die Wohnungswirtschaft aber noch langsamer ist als unsere Digitaloffensive werden wir viele „Verlierer“ sehen, die von modernen Wohnformen nicht profitieren werden. Andere Länder, wie etwa die USA oder die Niederlande, sind hier viel weiter. Wir brauchen eine neue Symbiose von Wohnen und Service, Apartment und Ausstattung. Gesucht wird ein Zuhause auf Zeit. 

Co-Living-Konzepte schaffen zusätzlichen Wohnraum für hochmobile Menschen, die in der Regel einen Lebensstil gewohnt sind, in dem sich Wohnen und Arbeiten überschneiden. Wir haben diese Entwicklungen mit dem Trendbegriff Sharing Spaces zusammengefasst. Aber wir brauchen auch mehr Wohnraum für Individualisten: Die Baugenehmigungen etwa für Tiny Houses müssen gelockert werden. 

Selbst die Wohn-Kommune könnte eine Renaissance erfahren: als Mehr-Generationshaus mit geteilten zentralen Funktionen wie Garten, Spa, Küche oder Fitness. Wenn diese Modelle dann noch unter dem Aspekt der klimaneutralen Architektur und der nachhaltigen Einrichtung entwickelt werden, bezahlbar sind und ein attraktives Erscheinungsbild haben, dann nähern wir uns dem Wohnen der Zukunft.

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