Standort-Bestimmung

Zentrale Neupositionierung für Offline-Shopping

Die meisten Möbelhäuser finden sich in der Peripherie der Städte. Auf grünen Wiesen und weiter Flur stehen sie, eingekreist von Parkplätzen und Ladeflächen, nur erreichbar mit Auto und Zeit. Wer hier einkaufen will, muss kilometerweit fahren, um Angebote zu sehen und zu vergleichen. Das ist vielen Menschen zu umständlich und so weichen sie auf Online-Shops aus – was sie aber das sinnliche Erlebnis vermissen lässt, Bett, Sessel, Sofa anzufassen, zu testen und für gut zu befinden. Viele wünschen sich diese Einkaufserlebnisse in der Innenstadt. Das legt eine Studie von Lifestylelabs nahe. 

10. Nov 2021

Möbelgeschäfte aus der Vorstadt ins Zentrum zu holen könnte ein Trend werden, der allen guttut: Handel, Städten und den Menschen. Wien macht es gerade vor, Kopenhagen profitiert schon lange davon, Hamburg seit einigen Jahren und bestimmt noch einige Orte mehr, die hier nicht genannt werden. Denn Innenstädte haben in Europa ein großes Problem.

Waren sie früher beliebte Orte zum Shoppen und Flanieren, stehen heute immer mehr Verkaufsräume leer. Während Fußgängerzonen verwaisen, boomt der Online-Handel. Das tat er schon vor der Covid-19-Pandemie, die Offline-Shops zur gefühlten Gefahrenzone machte. Und so gibt es viele Ideen und Programme, Stadtzentren wieder zu beleben, gefördert von der EU und den Kommunen, vom Handel und Stadtbewohnerinnen und -bewohnern. Für Möbelgeschäfte bieten diese viele Vorteile. 

Die Vorteile des Online-Shoppings laut der Lifestyleslab-Studie 2021 © Lifestyleslab

Neue Konzepte und gute Ideen 

Viele europäische Städte sind offen für neue Konzepte und arbeiten daran, das Leben ihrer Zentren neu zu gestalten. So hat Lübeck zum Beispiel ein von einer Kaufhauskette verlassenes Gebäude gekauft und richtet es für Schulen und Bildungseinrichtungen her. Im Untergeschoss sollen kleine Shops entstehen und auf dem Dach ein Park.

„Auch wir haben hier in Lübeck zu lange der Entwicklung zugeschaut“, sagt Lübecks Bürgermeister Lindenau der taz und erklärt: „Erst mit Corona hat man sich den sterbenden Städten zugewandt, dabei war diese Entwicklung auch vorher schon am Gange.“ Eine Umgestaltung der Innenstadt, weg von großen Einkaufshäusern, hin zur gemischten Nutzung der innerstädtischen Räume und Flächen soll dieses Problem lösen helfen.  

Wien sieht das ähnlich und hat Ikea unterstützt, mitten im Zentrum ein neues Projekt umzusetzen. In Hamburg hat das Möbelhaus schon länger eine Filiale in der Fußgängerzone, in Wien aber handelt es sich um ein anderes, nachhaltigeres Konzept. Das zeigt sich bereits in der Architektur. Die Fassade erinnert an ein flexibles Regalsystem, mit Räumen für Photovoltaikanlagen und kleine Parks, die das Stadtklima verbessern.

Das Gebäude bietet den Besucherinnen und Besuchern auf sieben Etagen Möbel, Cafés und Erholungsräume an. Sogar ein Hostel und Räume für Geschäfte, die es früher in dem Viertel gab. Alles, außer Parkplätze. „Wir wagen dieses Experiment, weil sich unser Leben, das Kundenverhalten und auch die Mobilitätsgewohnheiten rasant ändern. Um dem zu begegnen, braucht es neue Wege“, erklärt Maimuna Mosser, Business Development Managerin von Ikea Austria auf wohnkultur.at.  

In Kopenhagens Fußgängerzone steht das Hay House, bekannt für seine Sofas, Stühle und Interior-Design-Produkte. In dem schicken Shop können Kundinnen und Kunden in Ruhe alles ansehen, anfassen, begutachten und sich inspirieren lassen. Wollen sie die Möbel kaufen, werden ihnen diese nach Hause geliefert. Einkaufen wird so zum unbeschwerten, sinnlichen Erlebnis – und entspricht somit genau den Wünschen, die Lifestyleslab in einer Befragung herausgearbeitet hat.

Diese Vorteile sehen Konsument*innen beim Einkauf in Innenstädten © Lifestyleslab

Studie zu Einkaufsverhalten 

Das Lifestyleslab hat Menschen in Deutschland zu ihrem Einkaufsverhalten befragt – unter anderem ob sie gerne in stationären Geschäften einkaufen, was für sie ein gutes Einkaufserlebnis ausmacht, warum sie gerne online und wann offline einkaufen. 

Das Ergebnis: Aktuell nutzen nur 13,56 Prozent der Befragten den Einzelhandel zum Bummeln und nur bescheidene 7,65 Prozent genießen Shoppen als soziales Ereignis. Im Gegensatz dazu ist die Online-Welt für viele ein geliebtes, zweites Zuhause. So verbachten 2020 Menschen in Deutschland durchschnittlich 4,5 Stunden pro Tag im Internet mit Streamen, Social Media und Shoppen, in anderen Ländern waren es sogar fast sieben Stunden täglich.  

Der E-Commerce profitiert von dieser Vorliebe: Beliefen sich dessen Umsätze 2018 auf 2,8 Billionen US-Dollar, waren es 2020 bereits 4,8 Billionen Dollar. Warum Online-Shoppen so beliebt ist, erklärten die Befragten dem Lifestlyeslab: Es ist bequemer, rund um die Uhr möglich, spart Zeit, man kann in Ruhe Preise vergleichen, hat eine größere Auswahl und kann von den Erfahrungen anderer Kundinnen und Kunden lesen und profitieren. 

Trotz dieser Vorzüge sehen die Studienteilnehmenden auch im Einkaufen vor Ort viele Vorteile und fast die Hälfte der Befragten gibt an, gerne im stationären Einzelhandel einzukaufen, unter anderem weil sie dabei den persönlichen Kontakt schätzen, die professionelle Beratung sowie das An- und Ausprobieren genießen.  

Fazit für Möbelhäuser 

Guter Service und das sinnliche Erleben eines Produktes sind wichtige Argumente für Offline-Shoppen. Das Testen der Qualität und die Auswahl der passenden Größe, folgen dicht darauf. Genau das sind gute Argumente für das Errichten von Möbelhäusern in Innenstädten: Shops, die Genuss und Einkaufserlebnisse bieten, ziehen Käuferinnen und Käufer an. Wenn sie Sofas und Sessel probesitzen können, Sitzhöhe von Stühlen und Tischoberflächen ausprobieren, sich in Betten austrecken und Matratzen fühlen können, wenn ihnen zudem jemand beratend zur Seite steht – dann ist der Kauf des Möbelstücks ein Vergnügen.  

Wird dieses mit dem Online-Angebot kombiniert, zuhause oder direkt vor Ort, alles mit wenigen Klicks in den virtuellen Warenkorb zu legen und sich nachhause liefern zu lassen, ist das für Möbelhäuser ein vielversprechender Weg, neue Kundschaft zu finden, die unabhängig vom eigenen Auto und weiten Wegen an Stadtränder ihre Einrichtung zusammenstellen oder auffrischen will. Wenn sie – mit Kommunen zusammen – auch noch Gaststätten, grüne Inseln, Räume für Kunst und Kultur in Innenstädten schaffen, könnten sie wieder mehr Menschen ins Zentrum locken und dieses wiederbeleben, wovon sowohl Städte als auch Kundinnen und Kunden und Handel profitieren würden.

Autorin: Christine Sommer-Guist

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