29. Okt 2020

Hoffice: ein hybrider Lebensstil zwischen Home und Office

Aus Home und Office wird das "Hoffice". Wie werden wir in der Zukunft leben und arbeiten und die beiden Welten gut miteinander verbinden? Wie werden unsere Städte, Häuser, Wohnungen aussehen? Wir sprachen im Interview mit Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern.

Im „Home Report 2021“, der im Oktober 2020 vom Zukunftsinstitut veröffentlicht wird, beschäftigen Sie sich mit der Zukunft des Wohnens. Ein neuer Begriff, den Sie erfunden haben, ist das „Hoffice“. Werden Home und Office nachhaltig miteinander verschmelzen oder handelt es sich um eine vorrübergehende Phase? 

Wir alle sind derzeit Teil eines großen Experiments, in dem es um die Gestaltung von Arbeit und Wohnen geht. Und der wichtigste Part in diesem Experiment ist das „Hoffice“ – das Home-Office. Das Wort klingt ein wenig wie das Geräusch, das man macht, wenn man gestresst ist und laut ausatmet, weil man keinen ruhigen Raum findet – und im Deutschen klingt ja interessanterweise das Wort „Hoffnung“ an. Der Begriff des Hoffice ist eng verbunden mit einem neuen, hybriden Lebensstil, der meiner Meinung nach in der einen oder anderen Form langfristig Bestand haben wird. Denn so wie viele andere Aspekte unseres Lebens wird die Art und Weise, wie wir arbeiten, wohl nie mehr die gleiche sein. 

Wie muss ein erfolgreiches „Hoffice“ gestaltet sein?  

Bei der gelungenen Gestaltung eines Hoffice spielt ebenso sehr der mentale wie der räumliche Abstand eine zentrale Rolle. Dieser Ort kann für Menschen ganz unterschiedlich aussehen – ein Schreibtisch im Flur, eine Ecke im Wohnzimmer, ein Gartenschuppen… Am wichtigsten ist, dass ein gutes Hoffice alle Sinne ansprechen muss. Wie sieht der Raum aus – wie klingt und riecht er wie fühlt er sich an? Also eine echte Herausforderung – aber eine, die sich lohnt. Denn wir können einen großen Vorteil daraus ziehen, wenn wir uns die Freiheit erlauben, uns von unserer Inspiration leiten zu lassen und diese Räume ganz nach unseren eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Und dies führt nach meiner Überzeugung zu langfristig glücklicheren und produktiveren Arbeitnehmern.   

Wie schafft man bei der Verschmelzung der Räume und damit auch der Tätigkeiten noch eine Abgrenzung von Freizeit und Arbeit? 

Es kann nützlich sein, die Beziehung zu unserer Arbeit als Komponente einer „Ehe“ zu betrachten. Denn die meisten von uns sind ja gleichzeitig mit drei Dingen verheiratet: Mit unserer Arbeit, mit unseren Partnern (oder unserer Familie) und mit uns selbst. Die Arbeit zu Hause ist eine brutale, darwinistische Lektion in Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Disziplin. Und zwar nicht nur, was Design im Sinne der physischen Gestaltung betrifft, sondern auch hinsichtlich des sozialen Designs. Die persönliche Kommunikation innerhalb der Haushalte muss sich den veränderten Umständen anzupassen. Und wie bei den meisten Anpassungsprozessen infolge einer Krise werden wir nach und nach neue soziale Techniken, neue Formen der Kommunikation und des Ausgleichs unserer Bedürfnisse erlernen. All diese Beziehungen brauchen Pflege, Aufmerksamkeit und nicht zuletzt auch neue Verträge und Regeln. Man könnte sagen, es geht darum, unsere „Ehe“-Gelübde zu erneuern, sie aufzufrischen und eine neue Normalität in der Beziehung zu unserer Arbeit, zu unseren Familien und zu uns selbst zu finden.  

Oona Horx-Strathern ist eine internationale Speakerin, Autorin und Trendexpertin  © Oona Horx-Strathern, www.strathern.eu / Foto: Klaus Vyhnalek, www.vyhnalek.com

Büros werden immer wohnlicher gestaltet, Privaträume werden zu Büros. Arbeiten wir bald nur noch auf Sofas und in Lounge-Ecken?  

Eine der Auswirkungen der Krise besteht darin, dass wir einen genaueren und kritischeren Blick auf die uns umgebenden Objekte entwickeln – sowohl zu Hause als auch in unseren Büros. Brauchen wir wirklich Bohnensäcke, Rutschbahnen und Schaukeln im Büro? Die häufig zu beobachtende Infantilisierung der Bürogestaltung in Start-ups legt die Frage nahe, was wirklich lohnende Investitionen für die Zukunft sein könnten. So werden sich antimikrobielle Oberflächen und Materialien, die einen die Wachstumsfähigkeit von Mikroorganismen hemmenden Wirkstoff enthalten, zu einem zunehmend gefragten Material im Bürodesign entwickeln. Und zu Hause werden wir in ein funktionelles, ergonomisches Hoffice-Design investieren, das auch in der Ecke eines Wohnzimmers oder in einem Schlafzimmer nicht fehl am Platz wirkt. So wie unser Arbeitsplatz mit unserem Zuhause verschmilzt, werden dies auch unsere Möbel tun müssen. 

Welche Herausforderung sehen Sie für die Möbelhersteller? Welche Ansprüche müssen Möbel in Zukunft erfüllen? 

Neben der oben erwähnten „materiellen Immunität“ und der Nachfrage nach wohnlicheren Hoffice-Möbeln werden wir meiner Meinung nach auch eine verstärkte Nachfrage nach „Heldenmaterialien“ erleben. Und dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit, also darum, grün oder umweltfreundlich zu sein – sondern auch um ein stärker transformatives Potenzial. Man könnte sagen, wir transzendieren den Trend, den wir aus dem Bereich „authentischen“ Designs kennen und bewegen uns hin zu einer Form des „Aktivismus“. Dazu gehören Dinge wie Cradle to Cradle-Produkte oder auch veganes Design. Auch wird es künftig verstärkt um Transparenz im Produktionsprozess gehen – und damit einhergehend um die Forderung nach Produktkennzeichnungen, mit denen die Produktions- und Transportkosten in Bezug auf den CO2 -Ausstoß, den Verbrauch von Wasser und anderen Rohstoffen und weitere Dinge ausgewiesen werden. All dies wird eine neue Form der Empathie, des Respekts und der Fürsorge mit sich bringen – zu Hause und an unseren Arbeitsplätzen.

Sie selbst leben im "Future Evolution House“ in der Nähe von Wien, das Sie mitentworfen und -gebaut haben. Wie sieht Ihre persönliche Hoffice-Lösung aus? 

Wir haben das Haus in vier Modulen konzipiert: Der „Hub“ – also der Mittelpunkt des Hauses – und darum herum die Module Liebe, Familie und Arbeit. Alle diese Module können sich an die jeweils gegebenen Umstände oder an bestimmte Änderungen des Lebensstils anpassen. Meine persönliche Vorstellung von einem Hoffice war eigentlich immer genau das, was es jetzt ist: Ein gemütlicher, wohnlicher Raum mit Büchern, einem Sofa, einem Teppich und dichten Vorhängen – aber auch nicht so gemütlich, dass ich versucht bin, mal eben ein Nickerchen zu machen. Der Raum liegt auf der anderen Seite des Rasens, weit genug entfernt vom Mittelpunkt des Hauses (und damit auch vom Kühlschrank), so dass ich nicht abgelenkt bin. Während des Lockdowns, bei dem hier vier Personen mehr als sonst wohnten, hat der Raum sehr gut funktioniert – manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu gut, denn die anderen Hausbewohner wollten ihn unbedingt auch nutzen, und so fand ich mich auf der Suche nach Ruhe bisweilen in der Waschküche wieder.

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Oona Horx-Strathern kommt aus London, war Journalistin beim englischen Observer und hat für Central Television Fernsehfilme gemacht. Seit über 25 Jahren arbeitet sie als Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin. Sie hat Bücher über die Geschichte der Futurologie, der Architektur der Zukunft geschrieben und an zahlreichen Studien des Zukunftsinstituts mitgearbeitet. Als Trend-Consultant war sie für internationale Firmen wie Unilever, Beiersdorf und Deutsche Bank tätig. Das Spektrum ihrer Vorträge reicht von Architekten-Konferenzen über Universitäten bis zur Bauindustrie und Design-Branche.

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